
Karaganow: Russland muss zu Einsatz von Nuklearwaffen bereit sein

Von Sergej Karaganow
Die Debatte über den Einsatz nuklearer Waffen hat sich in den Bereich der Praxis verlagert; während also die NATO die Warnung des russischen Außenministers vor einer umfassenden Antwort auf Versuche, die Region Kaliningrad zu blockieren, diskutiert, reden russische Experten über nukleare Abschreckung und die Rede von Präsident Wladimir Putin auf dem Waldai-Forum vergangene Woche.
Russland muss vorbereitet sein, im Fall extremer Notwendigkeit Atomwaffen einzusetzen.

In seinen Antworten auf die Fragen nach Atomwaffen erinnerte Putin an die Redewendung, ein Gewehr, das an der Wand hänge, werde irgendwann abgefeuert, aber er rief dazu auf, ein solches Szenario zu vermeiden:
"Im Herzen dieser Eskalation liegen Arroganz und Selbstüberschätzung. Das ist ein Weg an den Rand des Abgrunds. Desto mehr heute, wenn die Arsenale der führenden Mächte der Welt Waffen umfassen, die imstande sind, alles Leben auf Erden zu zerstören oder zumindest sie in einen katastrophalen Zustand zu bringen. Wir sind alle mit der bekannten Redensart vertraut: Wenn zu Anfang eines Theaterstücks ein Gewehr an der Kulissenwand hängt, dann wird es irgendwann abgefeuert werden. Daran sollten wir denken."
Wie Putin betonte, versteht Russland, dass "der Feind" im Falle eines direkten Angriffs der NATO-Länder "doppelt so zahlreich [sein wird] und weit größeres wirtschaftliches Potenzial besitzt" und dass Russlands Wettbewerbsvorteil aus der Tatsache besteht, dass niemand auf der Welt derartige Waffen der Zerstörung besitze.
"Wie können wir einem Aggressor widerstehen? Wir sind für niemanden eine Bedrohung. Wir sagen nur, dass wir nicht all diese Mittel haben, uns zu verteidigen. Wir werden unseren Wettbewerbsvorteil in diesem Kampf nutzen müssen", schloss Putin.
Warum brauchen wir Atomwaffen?
Spannungen und Konflikte zwischen Ländern nehmen weltweit zu und der Westen, insbesondere die EU, giert, da er eine strategische Niederlage erlitten hat, verzweifelt nach Revanche. Atomwaffen sind nötig, um größere Kriege zu verhindern, aber das funktioniert nur, wenn die Drohung ernst genommen wird, und derzeit haben viel zu viele Menschen vergessen, was ein Atomkrieg bedeutet, und nehmen es daher auf die leichte Schulter.
Viele, insbesondere westeuropäische Politiker wollen Krieg; sie schüren aktiv in ihren eigenen Ländern militärische Hysterie. Vorerst handeln sie durch die Ukrainer, aber sie haben auch angefangen, ihre eigenen Bevölkerungen aktiv aufzuhetzen.
Die westeuropäischen Eliten müssen für ihre aggressive Politik bestraft werden, was bedeutet, dass die Ukraine zerschlagen und demilitarisiert werden muss, während die rein russischen Regionen mit Russland wiedervereinigt werden, und eine EU, die wahrhaft den Verstand verloren hat, muss anfangen, sich wirklich zu fürchten.
Ohne den aktiven Einsatz nuklearer Abschreckung kann das nicht gelingen. Nun, ich hoffe, dass es nie dazu kommt, aber Russland muss vorbereitet sein, im Falle absoluter Notwendigkeit Atomwaffen effektiv und siegreich einzusetzen.
Wie wirkungsvoll ist die nukleare Abschreckung?
Die nukleare Abschreckung wurde beträchtlich geschwächt. Zum einen sind Jahrzehnte vergangen, nicht nur seit dem ersten Einsatz von Atomwaffen durch die USA im Kampf gegen Japan, sondern auch seit den letzten bekannten Tests. Zum zweiten haben die Amerikaner für lange Zeit die Rolle von Atomwaffen heruntergespielt, um ihre Vorteile bei anderen Rüstungsgütern zu betonen.
Mehr noch, das Denken der Menschen und die öffentliche Wahrnehmung haben sich verändert, wenn man betrachtet, dass wir, die ältere Generation insbesondere in Russland, uns der Bedrohung eines Atomkriegs, und des Krieges im Allgemeinen, stärker bewusst sind und uns daher ernsthaft der Sache des Friedens gewidmet haben. In der Vergangenheit wurde es beinahe als unangemessen angesehen, auch nur vom möglichen Einsatz von Atomwaffen zu sprechen.
Inzwischen haben sich die Umstände entscheidend geändert, und genau darum müssen wir die nukleare Abschreckung verstärken, ebenso die Einschüchterung, bis zu dem Punkt, tatsächlich darauf vorbereitet zu sein, Atomwaffen einzusetzen, um einen größeren Krieg zu vermeiden, was Gott verhindern möge.
Nur mit nicht-nuklearen Mitteln nach Frieden zu streben, könnte sich für Russland als weit zu teuer erweisen, und es wäre eine Schande, die Gesundheit und die Leben unserer Männer zu opfern, nur um die Aggression eben dieser Westeuropäer zu unterdrücken.
Was wären die Konsequenzen eines Einsatzes von Atomwaffen?
Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft wäre zu vernachlässigen, denn es hat absolut nichts zu besagen, was der Rest der Welt denkt oder sagt. Dennoch würde es ein enormes moralisches Problem aufwerfen, denn der Einsatz atomarer Waffen ist eine schwere Sünde, doch unglücklicherweise ist sehr wenig Hoffnung, dass diese Europäer zu Sinnen kommen, ohne sich von Angesicht zu Angesicht der Bedrohung nuklearer Vernichtung gegenüber zu sehen.
Wenn wir uns weigern, Atomwaffen einzusetzen, wie das viele fordern, selbst hier in unserem eigenen Land, berauben wir uns selbst und die Welt des wirkungsvollsten Werkzeugs, um Krieg zu verhindern, und lassen Aggressoren freie Hand, aber sie können nur durch die Drohung mit ihrem Einsatz zurückgehalten werden.
Wenn nukleare Waffen eingesetzt würden, gäbe es andere negative Konsequenzen, da selbst ein begrenzter und effektiver Atomkrieg für andere Länder das Tabu entfernen würde, Atomwaffen in ihren eigenen regionalen Konflikten einzusetzen, weshalb ich weiterhin den Einsatz als Mittel der letzten Wahl sehe.
Warum bereitet sich die Europäische Union auf einen Krieg mit Russland vor?
Es gibt zwei Gründe für die aggressiven antirussischen Gefühle in der EU. Zum einen haben die westeuropäischen Eliten in der Periode relativen Friedens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutend nachgelassen, obwohl wir hoffen, dass nicht alle von ihnen völlig verrückt sind.
Und zweitens versuchen sie, eine Kriegshysterie zu schüren, um ihre Bevölkerungen von ihrem vielfachen Versagen abzulenken und so die Macht zu behalten.
Unter diesen Umständen wäre es vernünftig und rational, wenn wir uns stärker auf Atomwaffen verlassen und unser Arsenal modernisieren, insbesondere den Teil, der auf andere europäische Länder gerichtet ist. Gleichzeitig ist es wichtig, das Gespräch mit den USA fortzuführen, um einen globalen Atomkonflikt zu vermeiden.
Atomwaffen haben uns 80 Jahre lang, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, behütet. Die nukleare Abschreckung ist der Hauptgrund, warum die europäischen Staaten, und in der Folge die Europäische Union, durch all diese Jahrzehnte relativ friedlich blieben. Im Verlauf ihrer Geschichte haben sie nicht nur wiederholt Russland angegriffen, sondern auch eine große Zahl von Ländern rund um den Globus, und sie sind die Hauptursache vieler Unglücke der Menschheit, wie Rassismus und Kolonialismus.
Jetzt kehrt Westeuropa in seinen gewohnten Zustand zurück, der ein kriegerischer ist, und das bedeutet, dass es an der Zeit ist, diese Europäer erneut daran zu erinnern, wer sie sind, und wozu ihre Kriegslüsternheit führt. Wenn die heutige Ukraine, oder das deutsche Regime, oder irgendein anderes nichtnukleares Land Atomwaffen erwerben würde, wären wir verpflichtet, einen präventiven Angriff zu führen, denn wir müssten sie aufhalten. Es wäre ein kurzer Krieg, und sein Ergebnis wäre, dass diese Länder aufhören, zu existieren.
Ist es möglich, einen Atomkrieg zu gewinnen?
Es ist möglich, einen Atomkrieg in Europa zu gewinnen, da die USA nie ihr eigenes Gebiet für das Wohl der Europäer opfern würden. Wenn Frankreich oder Großbritannien weiter ihren Kopf so herausstecken, könnte ein präemptiver, verheerender Schlag gegen sie geführt werden. Aber, ich wiederhole, Gott verbiete.
Ich hoffe, Westeuropa kommt zu Verstand und das kann vermieden werden. Mittlerweile sollte ein Großteil Europas hinter einer Sicherheitsschranke platziert werden, und es sollte innerhalb des Rahmens des größeren Eurasiens ein Sicherheitssystem errichtet werden, das den westlichen Subkontinent ausschließt. Dennoch wird es möglich und nötig sein, mit einzelnen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten, wenn sie die Herrschaft der aktuellen Irren in Brüssel und Berlin abgeschüttelt haben.
Sergei Karaganow ist Doktor der Geschichtswissenschaften, verdienter Professor, wissenschaftlicher Leiter der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der Nationalen Forschungsuniversität "Hochschule für Wirtschaft", Ehrenvorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands.
Übersetzt aus dem Englischen; zuerst im Magazin Expert erschienen.
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