
Muhamads Flucht aus dem Maßregelvollzug und der deutsche Wahnsinn mit der Psychiatrie

Von Gert Ewen Ungar
Am Freitag ist in Sachsen ein psychisch kranker Straftäter aus dem Maßregelvollzug geflüchtet. Der Mann ist aufgrund seiner Erkrankung gefährlich. Die Polizei fahndet nach ihm. Der Mann wird in den Medien als Muhamad M. vorgestellt und stammt aus Afghanistan. Allerdings wird es im Folgenden und vermutlich zur Enttäuschung vieler Leser nur am Rande um seine Herkunft und seine Religionszugehörigkeit gehen, denn Schizophrenie und Wahnsinn sind anthropologische Konstanten. Es gibt sie in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten. Weder der Islam noch seine Herkunft haben mit der Erkrankung von Muhamad M. etwas zu tun.
Die in diesem Zusammenhang meines Erachtens viel wichtigere Frage lautet: Warum kann das psychiatrische System in Deutschland seine Bürger nicht vor schwer erkrankten Personen schützen, die für die Allgemeinheit gefährlich sind? Muhamad M. ist schließlich kein Einzelfall. Amokfahrt in Mannheim im Jahr 2025, Axtangriff im ICE ebenfalls 2025, Amokfahrt in Leipzig 2026. Messerangriff am Hamburger Hauptbahnhof, Messerangriff in Ulm ‒ beide Vorfälle ebenfalls im laufenden Jahr. Die Liste ließe sich fortsetzen. Immer sind die Täter psychisch krank. Der aktuelle Fall unterscheidet sich lediglich darin, dass die Einweisung in den Maßregelvollzug relativ zügig vollzogen wurde. Andere Täter werden jahrelang von Einrichtung zu Einrichtung weitergereicht: Tickende Zeitbomben, die irgendwann hochgehen. Wann genau und wo genau, lässt sich nicht vorhersagen. Vorhersagen lässt sich lediglich, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit passieren wird.

Deutschland hat, das muss man fairerweise sagen, ein sehr weit ausdifferenziertes System der psychiatrischen Versorgung. Sozialpsychiatrische Dienste koordinieren flächendeckend die Versorgung, vermitteln zu Tagesstätten, in betreutes Wohnen, Wohnheime und Kliniken. Als Frühwarnsystem funktioniert dieses System nur bedingt, wie die Häufung der Fälle deutlich macht, bei denen ein psychisch kranker Täter zu Gewalt greift und so zur Gefahr für seine Umgebung wird. Das hat Gründe.
Die einzelnen Einrichtungen der Betreuung sind in der Regel in freier Trägerschaft. Die wirtschaftliche Rentabilität steht immer im Fokus. Der Druck ist hoch, die zuständigen Ämter versuchen, die Kosten für die Betreuung zu drücken. Betreuungsintensive Personen werden so oft zwischen den Einrichtungen hin- und hergeschoben. Sie sind zwar im Versorgungssystem, aber eine tatsächlich adäquate Versorgung gibt es eben nur bedingt. Und dann – schwupp – passiert es. Gewalt bricht unkontrolliert aus, es gibt Opfer zu beklagen. Dass die Anzahl der Vorfälle zunimmt, ist inzwischen klar. Messertat hier, Messertat dort, Amoklauf in großem und in kleinem Stil. Meist waren die Täter im Hilfesystem bereits gut bekannt.
Im Anschluss gibt es dann die übliche Frage: Wie war das möglich? Die Person war doch aktenkundig. Schnell gerät die Frage der Herkunft in den Fokus. Und wenn dann eine Migrationsgeschichte ins Spiel kommt, dann geht die ganze öffentliche Diskussion schnell am Kern der Sache vorbei, weil das Problem gar nicht erfasst wird, sondern ideologische Sichtweisen die Auseinandersetzung bestimmen. Es geht dann um Migrationsfragen und nicht um die Frage nach dem Umgang mit psychisch Erkrankten. Das trägt nicht zur Lösung bei. Das soll nicht heißen, dass ausreisepflichtige Ausländer nicht abgeschoben werden sollen, aber es werden in diesem Zusammenhang seitens der Migrationskritiker Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. So wird der Blick getrübt und der Boden des Rationalen verlassen. Lösungen lassen sich so nicht finden.
Ja, Muhamad M. ist aus Afghanistan. Aber er ist eben an Schizophrenie erkrankt. Er war im Maßregelvollzug, wurde dort stabilisiert und ihm wurde dann begleiteter Ausgang gewährt. Das war offenkundig zu früh. Muhamad ist abgehauen. Das ist das zweite Problem. Es wird in der deutschen Psychiatrie zu häufig und zu leichtfertig zugunsten der Freiheit und gegen die Sicherheit der Allgemeinheit entschieden.
Dazu muss natürlich gesagt werden, dass es schwierig ist, hier die richtige Balance zu finden. Freiheit ist ein hohes Gut. Das gilt auch für psychisch Kranke. Nicht immer, aber oft wird ebenfalls aus ideologischen Erwägungen heraus zu schnell und zu einseitig für die Freiheit plädiert. Das ist zwar gut gemeint, bringt die Allgemeinheit aber in Gefahr.
Ja, dass dringend nachjustiert werden muss, macht die Häufung der Fälle deutlich. Im psychiatrischen Versorgungssystem in Deutschland ist etwas aus den Fugen geraten. Dass sich allerdings schnell etwas zum Besseren ändert, ist nicht zu erwarten. Dazu ist zum einen zu viel Ideologie von unterschiedlichsten Seiten im Spiel. Das Problem wurde noch nicht einmal richtig benannt. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung die Budgets für Soziales in nächster Zukunft nicht erhöhen wird. Das Geld wird woanders gebraucht – vor allem in Kiew.
Konkret bedeutet das: Obwohl Deutschland hinsichtlich des Versorgungsangebots für psychisch Kranke auf den ersten Blick ganz gut aufgestellt ist, schützt das System die Gesellschaft nur bedingt vor Personen, die aufgrund ihrer Erkrankung eine Gefahr darstellen. Mit dieser Gefahr werden die Menschen in Deutschland auf absehbare Zeit leben müssen.
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