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Ein Kosak in Dschibuti: Wie ein russischer Betrüger in Afrika eine Kolonie gründete

Vor 135 Jahren segelte eine russische Expedition nach Afrika, um in Abessinien eine Siedlung zu gründen. Leider ist den Abenteurern bei der Standortwahl für ihre neue Kolonie ein fataler Fehler unterlaufen.
Ein Kosak in Dschibuti: Wie ein russischer Betrüger in Afrika eine Kolonie gründeteQuelle: RT

Von Jewgeni Norin

In den vergangenen Jahren hat Russland die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern sowohl im wirtschaftlichen als auch im militärischen Bereich verstärkt. In diesem Jahr haben Moskau und Khartum endlich Fortschritte erzielt, bei einem Abkommen über den Bau eines russischen Marinestützpunkts in Port Sudan, an der Küste des Roten Meeres.

Der Wunsch Russlands, sich aktiver auf diesem Kontinent zu engagieren, reicht jedoch über 100 Jahre zurück, bis hin zu einem Versuch im 19. Jahrhundert, am Horn von Afrika Fuß zu fassen. Die erste und letzte "russische Kolonie" in Afrika war von kurzer Existenz und ähnelte viel mehr einer Abenteuerexpedition als einem europäischen Projekt der Kolonialisierung. Dies war kaum verwunderlich, da die Kolonie nicht vom russischen Staat initiiert wurde, sondern von einem der brillantesten Betrüger seiner Zeit. 

Der Schwarzmeer-Betrug 

Im Jahr 1883 tauchte in Sankt Petersburg eine zweifelhafte Figur auf. In seiner Uniform eines Kosaken drehte er seine Runden bei Tageszeitungen, karitativen Einrichtungen und Behörden. Überall erzählte er dieselbe Geschichte: Er sei ein Vertreter der Armee der Kosaken, die jahrelang in der Wildnis Anatoliens und Kurdistans von der Jagd und von der Tätigkeit als Söldner lebten. Der Traum seines Volkes war es, in seine verlorene Heimat zurückzukehren. Aber um eine neue Siedlung von Kosaken im Kaukasus an der Küste des Schwarzen Meeres zu gründen, brauchten sie Geld. Der Mann gab sich als Held aus, der 1878 tapfer gegen die Türken kämpfte, aber die Details nicht preisgeben konnte, da die Angelegenheit streng geheim war.

Der Name des Mannes war Nikolai Aschinow. Natürlich war er kein Kriegsheld. Aschinow wurde in Tsaritsyn geboren – einer Stadt an der Wolga, die im 20. Jahrhundert unter dem neuen Namen Stalingrad berühmt werden sollte – und war in seiner Heimatstadt lange Zeit nur als Anführer einer Bande bekannt. Die Bande wurde schließlich von der Polizei zerschlagen, aber Aschinow behielt einen Instinkt dafür, Menschen anzuführen. Er hatte ein Händchen dafür, die Leute um sich zu scharen, und sobald er damit anfing, Lügengeschichten aufzutischen, konnte er damit einfach nicht mehr aufhören. Aschinow war auch kein Vertreter der Armee der Kosaken. Er erfand eine Gruppe von Kosaken in Kurdistan und schmückte seine Geschichten mit Fantasie im großen Stil. Er hatte sich sogar ein ausgeklügeltes Projekt für die Umsiedlung dieser fiktiven Kosaken in fruchtbare Länder ausgedacht.

Nachdem man sich den brillanten Schurken jeweils angehört hatte, wiesen ihm die staatlichen Beamten einer nach dem anderen die Tür. Aber Aschinow gab seine Pläne nicht auf und schaffte es schließlich, die Slawophilen – eine Bewegung zur Unterstützung der slawischen Völker – dazu zu bewegen, ihm Geld zu leihen. Überraschenderweise dachte sich Aschinow jedoch etwas Besseres aus, als bloß mit dem Geld zu verschwinden.

Aschinow ging nach Poltawa, – eine Stadt in der heutigen Ukraine –, um dort die Ärmsten unter den Bauern zu rekrutieren. Er versprach ihnen Berge von Gold und überredete ungefähr hundert Familien, mit ihm mitzuziehen.

Während die Bauern zusammenpackten, schloss Aschinow einen Pakt mit den Behörden von Sochumi – einer Stadt an der Ostküste des Schwarzen Meeres. Die lokalen Behörden entschieden, dass neue Siedler – auch wenn sie nicht aus Kurdistan stammten – mehr Steuern einbringen und positive Berichte über die Stadt bringen würden. Infolgedessen erhielt Aschinow etwas Land und ein Startkapital. Er beschloss – "bescheiden", wie er war, – das neue Dorf nach sich selbst zu benennen – Nikolajewskaja. 

Viele der Bauern waren nach ihrer Ankunft enttäuscht, da die Grundstücke weit von den Beschreibungen des "Ataman" entfernt waren und das Startkapital nicht besonders hoch war. Anstatt die bereitgestellten Mittel für den Kauf und die Verteilung von Vieh an die Bauern zu verwenden, kaufte der Betrüger das Vieh selber und verkaufte es zu exorbitanten Preisen an die Bauern weiter. Als die Bezirksbehörden davon erfuhren hatten, schickten sie eine Gruppe von Finanzprüfern nach Nikolajewskaja, aber noch bevor diese dort ankamen, war Aschinow bereits nach Moskau geflohen.

Dort traf er auf den Dichter Iwan Aksakow und die Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Michail Katkow, die er davon überzeugen konnte, dass der Skandal von Nikolajewskaja von der trägen Verwaltung des Kaukasus verursacht wurde, die nicht in der Lage gewesen wäre, die großen nationalen Vorteile hinter seinen Ideen zu sehen. Um seinen Ruf wiederherzustellen und nicht untätig herumzusitzen, entwickelte er eine neue, noch brillantere Geschichte. Und diesmal erweiterte er die Grenzen seines "Kosakenreichs" in ungeahnte Ausmaße.

Vorbereitungen für das nächste Unterfangen

Laut der Lügengeschichte von Aschinow planten die freien Kosaken, Tee in den Bergen anzubauen, und hatten dafür bereits Abgesandte nach China geschickt. In der Zwischenzeit seien sie im Handel in Asien und Ostafrika tätig. Russland dagegen müsse das Horn von Afrika bevölkern, da es dort bereits eine Kosakensiedlung namens Neu-Moskau gab. Der damalige abessinische Zar hätte den Kosaken Land versprochen, – sie mussten nur kommen und es nehmen. Außerdem behauptete Aschinow, er sei vom Kaiser von Äthiopien persönlich empfangen worden. Es überrascht nicht, dass der Zeitungsartikel, in der diese erstaunliche Geschichte erzählt wurde, von niemand anderem als von Aschinow selbst stammt.

Aschinow war tatsächlich nach Äthiopien gereist, kam aber nicht weiter als bis zur Residenz eines Provinzgouverneurs. Aber seine Fabeln lösten in den Zeitungen eine beispiellose Aufregung aus – Journalisten, die noch nie in Afrika waren, beschrieben Scharen von Kosaken, die heimlich im Sudan und in der Wildnis des oberen Nils lebten, während "Ataman" Aschinow aktiv an gesellschaftlichen Veranstaltungen in Russland teilnahm, bei denen er sich kühn benahm und wilde Geschichten erzählte. Aschinow erwies sich als fähiger Manipulator und fand einen direkten Zugang zu den Menschen. Journalisten waren leichte Beute, da sie immer auf der Suche nach einer neuen Sensation waren. Aber Aschinow ging noch weiter. Er lockte Priester mit beispiellosen Aussichten für die Verbreitung des orthodoxen Christentums in Afrika an; lockte Militärkommandanten mit Bildern zukünftiger Häfen für die Marine und bezauberte sogar den Gouverneur von Nischni Nowgorod mit der Aussicht, Herrscher einer überseeischen Kolonie zu werden.

Einige der Gönner von Aschinow durchschauten jedoch die Scharade. So war der Generalstaatsanwalt der Synode, Konstantin Pobedonoszew, alles andere als ein leicht zu begeisternder Jugendlicher – er war ein kluger Intellektueller und machte sich keine Illusionen über Aschinow. Er war jedoch der Meinung, dass wenn dieser erfolgreich sein sollte, er für den Staat nützlich sein könnte. Und wenn nicht, könnten die Behörden ihn jederzeit wieder verstoßen. Zar Alexander III. nannte Aschinow "einen Schurken" und entschied, dass der selbst ernannte Ataman der afrikanischen Kosaken, wenn er eine Art Kolonie aufbauen wolle, sich auf eigene Kosten dem Spaß hingeben könne – die Schatzkammer Russlands würde keinen Rubel zur Verfügung stellen.

Aschinow erhob keine Einwände dagegen. Im Frühjahr 1888 segelte er tatsächlich nach Afrika, suchte nach einem geeigneten Ort für eine Kolonie, lernte die Einheimischen kennen und kehrte nach Russland zurück. Im Dezember desselben Jahres segelte er auf einem Dampfer voller "freier Kosaken" von Odessa nach Afrika.

Russisches Afrika

An Bord des Dampfers befanden sich nur zwei echte Kosaken. Die meisten Kolonisten waren Schulabbrecher, unehrenhaft entlassene Offiziere, Gauner, Säufer und rücksichtslose Abenteurer. Unterwegs überfielen sie eine Spielbank in Port Said, betranken sich, sorgten für Unheil und nahmen Prostituierte mit auf die weitere Reise. Die Überfahrt war gewissermaßen feuchtfröhlich und nur blinde Optimisten hätten auf den Erfolg der Expedition gewettet. 

Im Januar 1889 landete das gesamte Unternehmen im Golf von Tadjoura im heutigen Dschibuti, wo sie als exotische Neuankömmlinge erst mal von den Einheimischen vom Stamm der Danakil angestarrt wurden. Die Gunst des örtlichen "Sultans" – dessen Palast eine Hütte aus Zweigen war – konnte rasch gesichert werden, nachdem ihm die Siedler ein Paar Hosen geschenkt hatten.

Um an der Küste Fuß zu fassen und eine Art Außenposten für den Vorstoß ins Landesinnere zu schaffen, musste Aschinow einen Stützpunkt finden. Das verlassene ägyptische Fort von Sagallo erwies sich als genau richtig. Er proklamierte die Festung als russisch, nannte sie Moskowskaya und verkündete, dass "fünfzig Werst" – ein altes russisches Längenmaß, das etwa 1.062 Metern entspricht – "entlang der Küste und hundert Werst ins Landesinnere russisches Territorium ist und fortan Neu-Moskau heißen wird". Am 28. Januar wurde die russische Flagge über Sagallo gehisst.

Die "Kosaken" bestellten das Land und begannen mit der Jagd. Das Land war fruchtbar und in der Natur wimmelte es nur so von wilden Tieren und Fischen. Viele der ehemaligen Gauner und Nichtsnutze begannen tatsächlich ein neues Leben. Aschinow gelang es sogar, anlässlich des Beitritts des neuen Territoriums zum Russischen Reich einen Dankesgottesdienst abzuhalten.

Leider ist dem Abenteurer bei der Standortwahl für die neue Kolonie ein fataler Fehler unterlaufen.

Paris schlägt zurück

Die russische Regierung legte zunächst fest, dass die "Kosaken" so viel herumalbern können, wie sie wollen, solange sie nicht das Territorium anderer Staaten durchquerten. Die Umgebung von Sagallo gehörte jedoch zum französischen Kolonialreich. Da kilometerweit kein einziger Franzose zu sehen war, verstand Aschinow entweder nicht, dass er ein bereits beanspruchtes Gebiet ausgewählt hatte, oder er tat es einfach als irrelevant ab.

Als die Nachricht von den Ereignissen in der Nähe von Sagallo in Paris eintraf, waren die Franzosen schockiert und forderten eine offizielle Erklärung aus Sankt Petersburg. Kaiser Alexander III., der Aschinow kaum duldete, wurde wütend und erklärte, dieser sei ein Scharlatan, der nichts mit der Regierung des Russischen Reiches zu tun habe. Ein russisches Kriegsschiff wurde nach Sagallo geschickt, um die Kosaken zurückzuholen.

Aber die Franzosen kamen zuerst an.

Wenige Wochen nach Gründung der Kolonie näherten sich vier französische Schiffe vor der Küste von Fort Sagallo und forderten die Abreise der "Kosaken". Aschinow verstand den Ernst der Situation nicht und entschied sich, die Warnung zu ignorieren. Somit eröffneten die Franzosen das Feuer.

Die erste Granate traf eine Familie von Kolonisten und tötete fünf Menschen, allesamt Frauen und Kinder. Die Schiffe feuerten eine weitere Viertelstunde lang, töteten noch eine Person und verletzten 22 Menschen. Schließlich hisste Aschinow eine weiße Fahne. Die Kolonisten wurden verhaftet und umgehend nach Russland zurückgebracht, während Fort Sagallo dem Erdboden gleichgemacht wurde. Kaiser Alexander machte Aschinow für alles verantwortlich, aber die französische Öffentlichkeit sympathisierte mit den "Kosaken" – schließlich hatten sie nichts getan, das gerechtfertigt hätte, sie von den Schiffen aus zu beschießen.

Alexander III. war äußerst verärgert über den Vorfall und wollte Aschinow zunächst in die raue sibirische Umgebung von Jakutsk verbannen. Glücklicherweise beruhigte sich der Kaiser schließlich wieder und erlaubte dem "Ataman", sich in der Nähe von Tschernigow anzusiedeln, wo er sich schließlich niederließ und seine Energie nützlicheren Dingen widmete. Der ehemalige Betrüger legte einen großen Garten an, richtete ein Bienenhaus ein und fand mit dem Aufbau und der Leitung einer Freiwilligen Feuerwehr eine legitime Aufgabe. Seltsamerweise fand sich in seinem Haus ein Objekt, das eine ergreifende Erinnerung an seine abenteuerlichen Tage war – ein goldbesetzter Säbel mit der griechischen Inschrift "Für Justinian den Großen". Bis heute blieb dessen Herkunft ein Rätsel. Der Meisterillusionist blieb sich bis zum Schluss treu.

Übersetzt aus dem Englischen.

Jewgeni Norin ist ein russischer Historiker mit Fokus auf Russlands Kriege und internationale Politik.

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