"Europa muss zur Besinnung kommen": Roger Köppel interviewt RT-Chefin Margarita Simonjan
Roger Köppel [00:00:00]: Grüezi miteinander, ganz herzlich willkommen und einen wunderschönen guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde aus Nah und Fern. Ich begrüße Sie zu einer weiteren Sondersendung von Weltwoche Daily, die andere Sicht – unabhängig, kritisch, gut gelaunt und zuversichtlich trotz allem, aufgezeichnet am 5. Juli 2026 in Moskau. Ich habe einen sehr interessanten Gast jetzt bei mir im Studio. Und zwar handelt es sich um die einflussreichste Journalistin Russlands und vielleicht eine der einflussreichsten Journalistinnen der Welt. Es ist Margarita Simonjan. Sie ist Chefredaktorin des großen Medienunternehmens Russia Today (RT) mit einem großen Auslandsangebot. Sie ist auf diesem Posten seit 2005, also seit 21 Jahren. Und sie spielt hier eine ganz entscheidende Rolle in der Öffentlichkeit. In Europa ist RT weitgehend verboten. In der Schweiz kann man die publizistischen, die journalistischen Portale noch zur Kenntnis nehmen. Umso wichtiger ist es, dass man eine derartig eminente Figur der russischen Öffentlichkeit hier zum direkten Gespräch trifft. Ich werde jetzt auf Englisch wechseln, damit sie uns versteht.
Sehr geehrte Margarita Simonjan, vielen Dank für dieses Interview. Ich habe Sie unseren Zuschauern soeben als bedeutende russische Journalistin vorgestellt. Willkommen in unserem Studio, willkommen bei der Weltwoche!
Margarita Simonjan [00:01:44]: Ich danke Ihnen vielmals. Das war eine wirklich lange und ausdrucksstarke Vorstellung. Ich spreche selbst kein Deutsch und habe deswegen bis auf den englischen Schlussteil kaum etwas verstanden. Ich gehe mal davon aus, dass Sie nur freundliche Worte für mich übrig hatten. Es überrascht mich, womit ich so eine lange "introduction" verdient habe. Vielen Dank für Ihre Einladung, und ich freue mich auf Ihre Fragen
Köppel [00:02:04]: Okay, danke. Ich sagte nur, dass Sie eine der einflussreichsten Journalistinnen der Welt seien, vor allem in Russland, und dass Sie seit über 20 Jahren an der Spitze von Russia Today stehen. Seit 21 Jahren sind Sie Chefredakteurin. Aber gerade eben haben Sie mir erzählt, dass Personen, die ein Attentat auf Sie verüben wollten, erst gestern verurteilt wurden. Es gibt also Menschen da draußen, die Ihnen nach dem Leben trachten. Wer versucht Sie umzubringen?
Simonjan [00:02:40]: Es wurden bereits drei Mordanschläge auf mich verübt. Sie fragen nach dem "Wer"? Die Ukrainer natürlich. Die ukrainische Regierung. Ich bin ja nicht die einzige Journalistin, auf die es versuchte Attentate gegeben hat. Der einzige Unterschied ist hier, dass ich Glück hatte. All diese Versuche wurden rechtzeitig vereitelt. Es gab drei verschiedene Komplotte. Wie Sie sicher wissen, wurde Sachar Prilepin, unser bekannter Schriftsteller und Kriegsberichterstatter, bei einer Autoexplosion schwer verletzt, kam aber mit dem Leben davon. Waleri Tatarski, ebenfalls eine bedeutende Person des öffentlichen Lebens, ein Kriegsblogger, kam bei einem Bombenanschlag ums Leben. Möge er in Frieden ruhen. Von Alexander Dugins Tochter haben sie gehört, nicht wahr? Sie haben die junge Frau ermordet, einfach in die Luft gejagt. Sie fragen voller Überraschung, wer mich denn töten wolle. Dieselben Leute, die sie getötet haben oder töten wollten. Bis jetzt hatte ich Glück. Bis jetzt lebe ich noch. Ein Attentatsversuch wurde mithilfe einer Drohne ausgeführt. Sie wollten unser Haus in die Luft jagen, wohl wissend, dass sich dort gerade fünf Kinder aufhielten. So leben wir. Das ist die Wirklichkeit, in der wir leben. Europa weiß nicht oder möchte nicht wissen, dass es einen Terrorstaat beschützt und unterstützt, der nicht nur mit Generälen und Militärpersonal kurzen Prozess macht, sondern der auch Journalisten, Schriftsteller, Personen des öffentlichen Lebens und deren Kinder brutal ermordet. Und wofür? Nur dafür, dass wir eine andere Sichtweise vertreten. Dafür, dass wir es wagen, für die Interessen unseres Landes einzustehen – mit Worten und nicht mit Waffen. Nach den fehlgeschlagenen Attentaten hat die Ukraine einen internationalen Haftbefehl gegen mich erlassen und mich des Terrorismus angeklagt. Terrorismus! Können Sie sich das vorstellen? Ich arbeite mein ganzes Leben lang als Journalistin. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie terroristische Aktivitäten aussehen oder durchgeführt werden. Und dennoch werde ich jetzt international wegen "Terrorismus" gesucht. Die Sanktionen sind da nur unbedeutende Unannehmlichkeiten, wie wir in Russland sagen.
Köppel [00:04:42]: Wie kommen Sie persönlich damit klar? Wie ist es, unter so einem Hochsicherheitsschutz leben zu müssen?
Simonjan [00:04:52]: Nach diesen Attentatsversuchen wurde auf staatlicher Ebene beschlossen, mir Personenschutz der höchsten Sicherheitsstufe zu gewähren. Aber ich verstehe sehr wohl, dass es keinen Schutz gibt, der dich vor allen Gefahren abschirmen kann. Letztendlich liegt alles in Gottes Händen. Beim letzten Mal hatte ich Glück und die Leute, die gestern verurteilt wurden, wurden verhaftet, und das nur wenige Tage, bevor sie mich, wie sie planten, mit einem Maschinengewehr hätten erschießen können. Sie hatten bereits die Kalaschnikow organisiert. Sie hatten ausgekundschaftet, wann und wie ich mein Haus verlasse. Es war schon alles vorbereitet. Man hat mir später ein Video davon gezeigt, wie sie sich vor meinem Haus herumtreiben und filmen, wie ich aus dem Haus gehe. Aber unsere Geheimdienste haben perfekt reagiert. Sie haben sie alle festgenommen, bevor sie zur Tat schreiten konnten. Beim nächsten Mal wird es ihnen vielleicht nicht mehr gelingen. Doch, so Gott will, werden sie es wieder schaffen. Als Christin sehe ich das so: Alles liegt in Gottes Händen. Es wird so kommen, wie es kommen soll. Ich mache mir da keine Gedanken. Sie glauben mir bestimmt nicht, wenn ich sage, dass ich einfach nicht daran denke, oder? Der erste Attentatsversuch auf mein Leben war überall in den Nachrichten. Meine Mutter schaute damals aber keine Nachrichten. Sie hat erst in den letzten Jahren damit angefangen. Der erste Anschlag ereignete sich schon während des ersten Jahres der militärischen Sonderoperation. Ich hoffte, dass sie davon nichts erfährt. Ich wollte ihr keine Angst machen. Plötzlich erfahre ich aber rein zufällig, dass sie darüber Bescheid weiß, mir aber nichts gesagt hat. Ich fragte sie also: "Mama, wie hast du das alles verkraftet? Wie hast du das aufgenommen?" Normalerweise leben wir unter einem Dach, aber sie war eine Woche lang in einem Sanatorium, wo sie auch von dem Ganzen erfahren hat. Ich habe mich zuerst natürlich sehr erschreckt. Es ging mir so schlecht, dass ich kaum essen und schlafen konnte. Aber dann habe ich mir gesagt: Nun, sollte meine Tochter sterben, dann stirbt sie als Heldin, die ihre Heimat verteidigt. Und ich werde stolz auf sie sein. Dieser Gedanke, dass meine Mutter stolz auf mich sein wird, hat mir innere Ruhe geschenkt. So war das.
Köppel [00:07:01]: Es ist wirklich verrückt, dass wir zu einer Zeit leben, in der in Europa Journalisten, die unbequeme Meinungen vertreten, auf der Abschussliste von Todesschwadronen landen. Bevor wir …
Simonjan [00:07:15]: Wir stehen auf dieser Liste ganz oben.
Köppel [00:07:17]: Ganz oben auf der Abschussliste. Bevor wir uns weiter mit diesem Wahnsinn befassen, lassen Sie uns einfach über Sie sprechen, denn Sie führen ein sehr interessantes Leben. Ich habe gelesen, Sie stammen aus einer armenischen Familie. Ich hoffe, das sind keine Fake News.
Simonjan [00:07:29]: Ich komme aus einer russischen Familie armenischer Abstammung. Da gibt es einen Unterschied.
Köppel [00:07:32]: Ja, verstehe. Armenische Abstammung umfasst dann natürlich auch den historischen Hintergrund der Armenier im 20. Jahrhundert. Was sollte man über Sie wissen, um Ihre Arbeitsweise und Lebenseinstellung zu verstehen? Was sind die Eckdaten Ihres Lebens, die uns einen Einblick darauf ermöglichen könnten?
Simonjan [00:07:55]: Ich weiß nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich bin sehr gläubig. Ich glaube fest an Gott. Ich versuche, die wichtigsten Lehren Christi zu befolgen, die er uns offenbart hat. Vor allem, wenn es darum geht, ein guter Mensch zu sein. Ich versuche, ein guter Mensch zu sein, auch wenn das sehr, sehr schwer ist. Ich versuche das jeden Tag. Danach kommt meine Liebe zu Russland, meinem Vaterland. Ich kann mir nicht vorstellen, außerhalb Russlands und ohne Russland zu leben. Ich habe ein Jahr als Austauschschülerin in den USA an einer High School verbracht. Ich war damals Teil eines Austauschprogramms. Es wurde der "Freedom Support Act" genannt. Und zum Jahresende, zum Abschluss des Programms, bat man uns, einen Essay über unsere Erfahrungen zu schreiben. Der Sinn des Essays bestand darin, zu erklären, was die wichtigste Sache war, die wir erkannt haben, die wir gelernt haben oder die man uns beigebracht hatte, während wir ein Jahr lang in den USA lebten und am Programm teilnahmen. Ich habe nur einen Satz geschrieben: "Während meines Jahres in den Vereinigten Staaten habe ich erkannt, wie sehr ich mein russisches Vaterland liebe." Sie waren schockiert und aufgebracht, aber es war die Wahrheit. Ich liebe meine Familie und … ich bin eine Schriftstellerin. Ich schreibe Bücher. Es ist wohl eher ein Zufall, dass ich Journalistin geworden bin. Das war nie mein Plan. Ich hatte vor, eine russische Schriftstellerin zu werden. Hoffentlich habe ich immer noch genug Ehrgeiz, um eine berühmte russische Autorin zu werden. Das ist mein neuestes Buch, das gerade erst veröffentlicht wurde.
Köppel [00:10:11]: Wovon handelt es?
Simonjan [00:10:13]: Es handelt von der Apokalypse? Es handelt davon, wo die Menschheit sich hinbewegt – in Anbetracht der modernen Gerätschaften, der künstlichen Intelligenz – und wie das alles letztendlich mit den apokalyptischen Prophezeiungen aus der Bibel zusammenlaufen wird.
Köppel [00:10:36]: Sie glauben also, dass wir uns auf eine Apokalypse zubewegen?
Simonjan [00:10:39]: Dessen bin ich mir sicher.
Köppel [00:10:41]: Und wie beschreiben Sie die Apokalypse?Ist es buchstäblich das Ende der Welt?
Simonjan [00:10:48]: Die Bibel sagt nicht, dass es das Ende der Welt sein wird. Die Bibel spricht davon, dass es der Beginn einer neuen heiligen Welt, der Beginn der Ewigkeit sein wird. Es geht um die Welt, die uns vom Herrgott und von Jesus Christus versprochen wurde, in der sich die Menschen, die es verdient haben, nach der Apokalypse wiederfinden werden. Die Bibel sagt schließlich nicht, dass die Welt einfach nur untergehen wird. In der Bibel steht geschrieben, dass die Apokalypse kommen und dann das Jüngste Gericht anbrechen wird, und all jene Menschen, die als würdig erachtet werden, in den herrlichen Hallen der stillen Ewigkeit aufgenommen werden. Darüber schreibe ich. In meinem Buch geht es genau darum. Es ist letztendlich ein fiktionales Werk, man könnte es sogar als Abenteuergeschichte bezeichnen. Es ist derzeit ein Bestseller in Russland. Wahrscheinlich sogar der größte Bestseller dieses Jahres. Mein nächstes Buch ist auch schon fertig. Es soll im September erscheinen. Wenn Sie also fragen, wie ich mich sehe, so bin ich zuallererst eine Schriftstellerin. Mein Leben hat sich einfach so ergeben, dass ich zusätzlich zu all dem eine große Mediengesellschaft leite. Das hat sich einfach so ergeben.
Köppel [00:12:03]: Ich muss ihr Buch unbedingt lesen, denn mein persönlicher Leitspruch lautet …
Simonjan [00:12:03]: Natürlich, bitte.
Köppel [00:12:03]: "Gib der Apokalypse keine Chance." Wir müssen alles tun, um die Apokalypse abzuwenden. Nun, um ein bisschen Klarheit für unsere Zuschauer in Europa und in Deutschland zu schaffen: RT, das Unternehmen, das Sie leiten, gilt in Europa und im ganzen Westen als ausschließlich propagandistische russische Organisation und nicht als Quelle für Journalismus. Sie kennen bestimmt alle diese Unterstellungen. Was entgegnen Sie darauf? Was wird diesbezüglich besprochen? Wie reagieren Sie darauf?
Simonjan [00:12:40]: Mir ist es absolut egal, was diese Leute sagen. Schnurzpiepegal. Scheißegal, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben. Was soll ich darauf schon erwidern? Wissen Sie, unser Außenminister Sergei Lawrow hat einmal einem mittlerweile schon in Vergessenheit geratenen britischen Minister gesagt: "Für wen zum Teufel hältst du dich, um mich hier verf***t nochmal zu belehren?" Das ist ein Zitat, daher ist es mir erlaubt, hier ausnahmsweise das F-Wort in den Mund zu nehmen. Das ist also meine Antwort.
Köppel [00:13:22]: Und wie frei sind Sie, was die Berichterstattung über den Krieg oder über Ihre Regierung angeht? Können Sie alles machen, was Sie wollen?
Simonjan [00:13:29]: Sie wiederholen deren Rhetorik. Das sollten Sie nicht tun. Das passt nicht zu Ihnen. Sie wiederholen gerade deren Narrative und Slogans. Ich bin es leid, mich da zu rechtfertigen. Es ist mittlerweile einfach nur langweilig. Wir Russen mögen es nicht, uns zu rechtfertigen.
Köppel [00:13:47]: Nun, es war ja nur eine Frage. Kehren wir zu der Situation zurück, die uns gerade besonders beschäftigt und die auch mich nicht loslässt. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir gerade am Rande eines Dritten Weltkriegs stehen?
Simonjan [00:14:07]: Wir sind sehr nah dran. Vielleicht so nah dran. Wir sind so nah am Dritten Weltkrieg wie noch nie. Wir sind sehr nah dran … Ich würde sagen, wir stehen nur noch wenige Meter vor dem Abgrund, vor dem unvermeidlichen Ende. "Unvermeidlich" ist ein wirklich schreckliches Wort. Was Europa gerade macht, wie sie gerade die Ukraine bewaffnen und hochrüsten, und wie sie der Ukraine gestatten, ihre Waffen, ihre Raketen gegen Zivilisten in Russland einzusetzen – so gut wie jeder dieser Schritte, so gut wie jeder Schritt, den Europa heutzutage macht, führt uns immer näher und näher an den Abgrund. Wir sind vielleicht Wochen, vielleicht Monate vom Unvermeidbaren entfernt – dem Dritten Weltkrieg. Vielleicht erinnern Sie sich an die berühmten Worte von Albert Einstein, der einst sagte: "Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen, weil es keine Zivilisation mehr auf Erden geben wird." Und wir gehen mit großen Schritten darauf zu.
Köppel [00:15:47]: Das ist in der Tat ein besorgniserregender Gedanke. Und man macht sich in Europa keine Gedanken darüber. Andererseits …
Simonjan [00:15:53]: Warum ist das so? Kann ich Sie das fragen?
Köppel [00:16:04]: Ja.
Simonjan [00:16:04]: Warum denkt man nicht darüber nach?
Köppel [00:16:11]: Weil … Und das ist eine Frage an Sie … Sie würden sagen: "Warum sollten wir? Wenn es stimmt, was der russische Präsident sagt – dass er seine militärischen Ziele auf jeden Fall erreichen wird –, was wäre dann der Sinn einer Eskalation?" Was wäre die Logik dahinter? Denn wir sehen ja, dass die Ukraine den Krieg auf Moskau und auf das russische Hinterland eskaliert …
Simonjan [00:16:29]: Die Ukraine eskaliert? Wirklich? Die Ukraine eskaliert?
Köppel [00:16:31]: Aber wie reagiert Russland? Wie wird es zurückschlagen, und vor allem – gegen wen?
Simonjan [00:16:39]: In Ihrer ursprünglichen Argumentation steckt ein grundlegender Fehler. Nicht die Ukraine eskaliert, nicht die Ukraine führt einen Krieg gegen Moskau. Europa tut das. Europa führt einen Krieg gegen Moskau. Und genau deshalb wird Moskau früher oder später reagieren müssen. Die Ukraine besaß niemals Raketen, die Moskau erreichen konnten. Wo sind sie hergekommen? Sind sie aus ukrainischer Produktion? Hat die Ukraine sie entwickelt? Ist die Ukraine … Gehört Starlink etwa der Ukraine? Und was ist mit den Informationen? Sammelt die Ukraine etwa alle Aufklärungsdaten selbst? Verkauft sie sich selbst Waffen? Verkauft sie sich selbst Flamingo-Raketen, die uns inzwischen auch hier erreichen? War sie etwa selbst imstande, unsere Raffinerien zu zerstören, sodass es inzwischen in und um Moskau, ja, eigentlich fast überall, eine Benzinknappheit gibt?Hat die Ukraine das gemacht? Das wird alles mit ukrainischen Händen getan, aber der Täter ist Europa. Und uns ist das absolut bewusst. Und sobald wir das Gefühl haben, dass … sobald unsere Engelsgeduld endet – und Russen haben einen äußerst langen Geduldsfaden –, aber sobald er am Ende ist und reißt, wird Europa uns keine andere Wahl lassen als zu reagieren. Beispielsweise indem wir die Fabriken vernichten, in denen die Waffen für die Ukraine hergestellt werden. Ich finde es schwer zu glauben. Denken Sie etwa wirklich immer noch, dass die Ukraine das alles tut? Sehen Sie nicht, wie Europa in diesen Krieg involviert ist? Dass Europa das alles mit fremden Händen tut? Warum … warum sollte Moskau eskalieren? Weil Europa diese ganze Zeit lang im Krieg mit Russland ist! Die ganze Zeit. Bislang ist Russland in diesen Krieg nur noch nicht eingetreten. Russland kämpft weiterhin gegen die Ukraine, während Europa durch die Ukraine Krieg gegen Russland führt. Aber früher oder später werden wir sagen: Habt ihr den Verstand verloren? Ihr führt schon fünf Jahre gegen uns Krieg. Jetzt werden wir auch gegen euch Krieg führen. Worauf sollen wir warten? Bis ihre Raketen auf unsere Atomkraftwerke fliegen werden? Sollen wir etwa darauf warten? Das werden wir nicht tun. Europa muss sich beruhigen, sonst landen bald Raketen in Europa. Wirklich.
Köppel [00:18:55]: Was erwarten Sie? Was werden die nächsten Schritte sein?
Simonjan [00:18:58]: Das hängt von Europa ab. Wenn Europa weiter eskaliert, wenn Europa weiter die Kapazitäten der Ukraine ausbauen wird, "den Krieg nach Russland zu verlagern", dann werden wir Europa antworten müssen. Wir haben keine andere Wahl. Denkt gut darüber nach, Europäer!
Köppel [00:19:17]: Worin liegt Ihrer Meinung nach die Verantwortung Russlands, ein nukleares Armageddon beziehungsweise eine militärische Apokalypse in Europa zu verhindern? Was ist Russlands Verantwortung? Ich meine, Russland ist ein europäisches Land. Vermutlich das mächtigste europäische Land. Und Russland hat auch einen Anteil an diesem Krieg. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Verantwortung Russlands?
Simonjan [00:19:42]: Ich habe manchmal den Eindruck, dass ihr Europäer wirklich ein wenig den Verstand verloren habt. Sagen Sie mir, bitte: Ist in diesen fünf Jahren auch nur eine russische Rakete nach Europa geflogen? Hm?
Köppel [00:19:58]: Nein, noch nicht.
Simonjan [00:19:59]: Nein. Sagen Sie mir, bitte: Ist auch nur ein russischer Panzer nach Europa gerollt?
Köppel [00:20:08]: Nein, ich weiß, worauf Sie anspielen, aber …
Simonjan [00:20:10]: Nein. Lassen Sie mich ausreden. Ist auch nur ein russisches Kampfflugzeug nach Europa geflogen?Nein. Aber wie viele europäische Raketen, Panzer und Kampfflugzeuge wurden in dieser Zeit gegen Russland eingesetzt? Tausende. Und Sie fragen mich im Ernst, worin Russlands Verantwortung liegt? Ist Russland etwa dafür verantwortlich? Russland hat Europa nicht mal mit dem Finger berührt. Es ist Europa, das uns seine Panzer, Kampfjets, Raketen und Drohnen schickt, unseren Transport zum Erliegen bringt und eine Benzinknappheit erzeugt. Wir haben noch nichts getan. Und Sie fragen nach unserer Verantwortung? Das ist, als würden Sie fragen: Worin liegt die Verantwortung eines Mannes, auf den 20 andere einschlagen, nicht seine Pistole – die er hat! – herauszuholen und sie alle zu erschießen? Worin liegt seine Verantwortung, sich das geduldig gefallen zu lassen und sie nicht alle zu erschießen?Wir haben vor euch überhaupt keine Verantwortung mehr. Ihr seid es, die ihr seit fünf Jahren eure Raketen, Panzer, Kampfjets, eure Aufklärung und alles andere auf uns losgelassen habt. Ihr seid es, die Russland vernichten. Wir haben noch gar nichts gegen Europa getan. Wann wir das tun werden, weiß ich nicht. Ich treffe diese Entscheidungen nicht. Aber wenn ich es täte, hätten wir es noch gestern getan.
Köppel [00:21:33]: Und welche Perspektiven haben wir hier?Wie können wir aus dieser furchtbaren Eskalationskette ausbrechen?
Simonjan [00:21:43]: Hört auf!
Köppel [00:21:44]: Können …
Simonjan [00:21:45]: Hört auf zu eskalieren! Hört auf! Hört damit auf! Und der Krieg ist sofort beendet. Hört auf.
Köppel [00:21:52]: Warum kann Ihr Präsident jetzt in diesem Moment nicht einfach sagen, wie manche auch in Russland möchten: "Okay, wir beenden den Krieg da, wo wir jetzt sind. Wir haben Gebiete gewonnen. Und wir können dafür sorgen, dass die Ukraine ein neutrales Land sein wird." Warum entscheidet sich Russland nicht dafür, es jetzt zu beenden? Ihr habt nämlich auch eine Verantwortung für Europa.
Simonjan [00:22:18]: Einen Moment, Sie sagen gerade widersprüchliche Dinge. Hätten wir den Donbass in der Tat bereits zurückerobert und könnten wir tatsächlich gewährleisten, dass die Ukraine ein neutrales Land sein wird, wäre alles längst vorbei. Wir haben den Donbass noch nicht zurückerobert und können nicht garantieren, dass die Ukraine neutral sein wird. Genau das waren die Ziele der Sonderoperation. Sobald wir sie erreichen, hören wir auf. Sie wissen doch, dass der Donbass noch nicht befreit ist. Ich glaube, es sind noch etwa fünf Prozent übrig. Ja, es müssten fünf Prozent sein. Das zum einen. Zum anderen wurde überhaupt noch nirgends über den neutralen Status der Ukraine gesprochen. Gar nicht. Sobald das geschieht, hören wir auf. Unsere Ziele haben sich nicht geändert, es sind noch immer dieselben wie zuvor. Aber ihr Europäer habt neue Ziele. Ihr wollt uns vernichten. Aber wir sind damit nicht einverstanden.
Köppel [00:23:03]: Nehmen Sie wahr, dass es in Europa eine zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die keinen Krieg mit Russland wollen? Ich meine, einerseits sind die Regierungen …
Simonjan [00:23:12]: Ich weiß es nicht, ich werde nicht reingelassen.
Köppel [00:23:12]: Bitte?
Simonjan [00:23:13]: Ich werde nicht nach Europa reingelassen. Wie soll ich wissen, was dort für Menschen leben? Ich sehe Europa nur im Fernsehen und denke mir: "Oh, was ist das? Ah ja, früher nannte man das den Eiffelturm, aber ich habe schon ganz vergessen, wie er aussieht!"
Köppel [00:23:28]: Nun, Sie sind eine der bekanntesten Vertreterinnen der russischen Position, und ich muss Sie in diesem Interview herausfordern.
Simonjan [00:23:36]: Gern.
Köppel [00:23:36]: Und, ähm, ich denke, wir sind in einer Lage, die einfach absurd ist. Ich verstehe Russlands Sicherheitsbedenken. Und ich verstehe die Situation der Ukraine. Aber ich denke, wir, Sie, wir, Russland und Europa, dürfen nicht erlauben, dass der Krieg weiter so eskaliert wie bisher.
Simonjan [00:23:57]: Ich stimme zu.
Köppel [00:23:57]: Aber ich denke, auch Russland trägt hier eine große Verantwortung. Russland ist ein sehr starkes Land, und mit großer Stärke kommt große Verantwortung. Wenn Sie sagen, nur der Westen hat Schuld, der Westen muss dies und das tun. Das ist zu einfach gedacht. Was muss Russland tun?
Simonjan [00:24:14]: Ich habe es Ihnen doch schon erklärt. Russland hat keine einzige Kugel gegen Europa abgefeuert. Aber ihr habt Tausende Waffen gegen uns eingesetzt. Und ihr habt die Nerven, uns die Schuld zu geben? Ah, kommen Sie! Ihr seid es, die Krieg gegen uns führen. Wir haben noch kein einziges Mal geantwortet. Wen oder was in Europa haben wir angegriffen? Ihr leidet an irgendeiner Art pan-europäischem Größenwahn. Selbst Sie – Sie wirken wie ein normaler, vernünftiger Mensch. Sie sind nach Russland gekommen, um mich zu interviewen, was an sich bereits mutig ist. Zuhause könnten Sie dafür erhängt oder erschossen werden. Aber selbst Sie sagen, dass es Russlands Verantwortung ist, die Eskalation zu beenden. Zum ich weiß nicht wievielten Mal: Wir haben nie gegen Europa eskaliert. Bislang hat nicht eine russische Kugel, Gewehrsalve oder Drohne Europa angegriffen. Auch kein Schiff. Aber von euch kommen Tausende. Wer ist also der Verantwortliche? Wir oder ihr? Worin liegt Ihre Logik? Einfache Logik. Selbst ein Kind versteht diese Zusammenhänge.
Köppel [00:25:22]: Was wir sehen, ist die Logik der Eskalation. Wir sehen in Europa eine Mentalität, die ihrer sehr ähnlich ist. Es heißt: "Nein, nein, wir sind auf der richtigen Seite der Geschichte! Wir machen alles richtig. Russland muss handeln." Jetzt ist die Frage …
Simonjan [00:25:34]: Die Logik der Eskalation wird bei uns liegen, wenn wir damit anfangen, wirklich Raketen, Kugeln, Kampfjets und Panzer nach Europa zu schicken. Aber das haben wir noch nicht.
Köppel [00:25:48]: Und Sie denken, dass …
Simonjan [00:25:49]: Ihr tut es. Und genau deshalb lag die Logik der Eskalation die ganze Zeit auf eurer Seite.
Köppel [00:25:55]: Und …
Simonjan [00:25:55]: Und ihr seid … Lassen Sie mich bitte ausreden.
Köppel [00:25:57]: Sicher.
Simonjan [00:25:57]: Und ihr seid für die bisherige Eskalation verantwortlich. In viereinhalb Jahren haben wir nichts getan, um die Beziehungen oder den Krieg mit euch zu eskalieren. Wir nehmen nicht an dem Krieg teil, den ihr gegen uns führt. Aber ihr werdet uns dazu bringen. Ihr werdet uns dazu bringen, in den Krieg einzutreten. Ihr tut alles, damit Russland in einen Krieg eintritt, in den es nicht eintreten will. Weil Russland nicht eskalieren will. Ihr tut es.
Köppel [00:26:30]: Ich meine, das ist … das ist Ihre persönliche Überzeugung. Ich meine, Sie sagen …
Simonjan [00:26:34]: Nicht nur meine. Jeder normale Mensch in Russland denkt so.
Köppel [00:26:38]. Sie sagen also, dass die Menschen in Europa und in Deutschland …
Simonjan [00:26:44]: Nicht die Menschen in Europa.
Köppel [00:26:45]: Polen …
Simonjan [00:26:45]: Nicht die Menschen in Europa.
Köppel [00:26:46]: Sie müssen …
Simonjan [00:26:46]: Die europäischen Politiker. Die Menschen sind nicht das Problem.
Köppel [00:26:49]: Aber wie stellen Sie sich diese Eskalation vor? Was wird angegriffen werden? Wie wird es … wie wird es stattfinden? Was wird passieren?
Simonjan [00:26:56]: Hört auf. Hört auf. Sagt der Ukraine: "Ihr gewinnt oder verliert auf dem Schlachtfeld." So, wie es begonnen hat: auf dem Schlachtfeld. Wir geben euch keine Waffen, mit denen ihr Moskau angreifen könnt. Wir geben euch keine Waffen, mit denen ihr Krieg gegen Russland führen könnt. Das ist ein Kampf auf dem Schlachtfeld, wie am Anfang. Das bedeutet Deeskalation. Aber Europa tut das genaue Gegenteil davon.
Köppel [00:27:26]: Was versteht Europa an Russland und Russlands Absichten in diesem Krieg grundlegend falsch?
Simonjan [00:27:35]: Das kann ich Ihnen sagen. Europa hat alle vernünftigen Stimmen in Europa abgeschaltet – vor allem RT, unseren Fernsehsender. Europa nennt sich selbst demokratisch und erklärt, dass es noch immer grundlegende Freiheiten wie die freie Meinungsäußerung, Gewissensfreiheit und so weiter respektiert – aber das tut es nicht. Weil Europa das alles getan hat, kann es jetzt keine vernunftgeleiteten Stimmen mehr hören. Es hat sie ausgeschaltet. Und aus diesem Grund ist es für europäische Politiker, die ihre nächsten Wahlen gewinnen wollen, jetzt sehr einfach geworden, Argumente zu fabrizieren und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Russland einen Krieg gegen Europa plant, und dass Europa diesen Krieg verhindern will. Dass wenn Russland gegen die Ukraine gewinnt, Europa als Nächstes dran ist. Aber das stimmt nicht. Und alle vernünftigen Menschen wissen das. Russland hat kein Interesse an Europa. Russland hat kein Interesse an Kriegen. Russland hat acht Jahre lang versucht, die Ukraine davon abzuhalten, die russische Bevölkerung des Donbass zu peinigen. Acht Jahre lang hat Europa nicht geholfen. Europa half stattdessen dabei, die Bevölkerung … die russische Bevölkerung des Donbass zu quälen. Aus diesem Grund ist ein regionaler Krieg ausgebrochen. Es geht nur um die russische Bevölkerung der Ukraine. Es geht nicht um Berlin, nicht um Paris. Der Eiffelturm kümmert uns nicht. Wir mögen ihn nicht einmal, wissen Sie. Er ist ziemlich hässlich. Wir wollen ihn nicht. Wissen Sie, jedes Mal, wenn wir …
Köppel [00:29:33]: Sagen Sie das nicht den Franzosen.
Simonjan [00:29:35]: Das habe ich gerade. Jedes Mal, wenn wir aus irgendeinem Grund Europa, europäische Hauptstädte erobert haben … Haben wir Paris erobert? Ja, 1812. Berlin haben wir zweimal eingenommen. Einmal im 18. Jahrhundert, im Siebenjährigen Krieg, und einmal im Zweiten Weltkrieg. Was haben wir getan? Wir sind zurückgegangen, weil wir Mutter Russland lieben. Wir wollen nicht dort bleiben, es gefällt uns dort nicht, wisst ihr. Uns gefällt es hier. Wir wollen nur, dass ihr uns in Ruhe lasst. Hört auf, unser Volk zu quälen. Wir wollen kein europäisches Land. Wir sind kein Alexander der Große. Wir sind kein Dschingis Khan. Wir sind kein Napoleon. Wir sind kein Hitler, um Himmels willen. Es ist uns egal. Lebt, wie ihr leben wollt. Lasst uns einfach in Ruhe. Das ist es, was Europa nicht versteht.
Köppel [00:30:37]: Wie Sie als gebildete Frau wissen, besteht die Weltgeschichte aus einer Reihe von Missverständnissen.
Simonjan [00:30:44]: Das stimmt.
Köppel [00:30:44]: Und eines der schrecklichen Missverständnisse ist meiner Meinung nach derzeit, dass in Europa, in Deutschland, bei jedem Drohnenangriff auf Moskau, bei jedem sogenannten Erfolg der Ukraine auf dem Schlachtfeld, europäische Machthaber und die Medien sagen: "Das ist gut. Das bringt uns dem Frieden näher. Putin hängt am seidenen Faden." Und so weiter. Könnten Sie das aus Ihrer Sicht kommentieren?
Simonjan [00:31:12]: Ja. Ich werde das ganz kurz kommentieren, denn wir müssen los. Jeder Drohnenangriff auf Moskau bringt Europa nicht dem Frieden näher. Er bringt Europa einem Drohnenangriff auf Berlin näher. Das ist es, was er Europa bringt.
Köppel [00:31:29]: Wir müssen unser Gespräch mit einer gewissen Portion Optimismus abschließen. Wir blicken auf 250 Jahre Geschichte der Vereinigten Staaten zurück. Vor einem Jahr, als ich in Russland war, herrschte eine andere Atmosphäre. Sie war optimistischer. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen – oder zumindest die Führungskräfte – das Gefühl hatten, dass sich in Bezug auf die Vereinigten Staaten und den Präsidenten, in Anchorage, Alaska, etwas tun könnte. Dann kam die Enttäuschung. Wie sehen Sie Trump heute? Ist der amerikanische Präsident ein Friedensstifter? Könnte er dazu beitragen, die Lage zu entschärfen und diesen Teufelskreis der Eskalation zu durchbrechen?
Simonjan [00:32:09]: Er könnte es, und er könnte es auch nicht. Ich glaube – ich könnte mich irren, bin mir aber ziemlich sicher, dass ich mich nicht irre –, ich glaube, Präsident Trump will diesen Krieg in der Ukraine nicht. Ich glaube, Präsident Trump wünscht sich aufrichtig und von ganzem Herzen gute Beziehungen zu unserem Präsidenten und möchte, dass die beiden großen Länder, die Vereinigten Staaten und Russland, echte Freunde und Partner sind. Das glaube ich. Aber ich glaube auch, dass die Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht über die Vereinigten Staaten herrschen und dies auch nie getan haben. Wir alle haben schon vom Deep State und all den anderen inneren und äußeren Kreisen gehört, die tatsächlich die Fäden in den Vereinigten Staaten in der Hand halten. Ich bin kein Spezialist und kein Experte für amerikanische Politik, aber wir haben zu viele Beweise dafür gesehen, als dass wir uns darauf verlassen könnten, was der Präsident der Vereinigten Staaten sagt oder nicht sagt. Erst gestern hatten sie ein Telefongespräch. Es war ein sehr nettes und optimistisches Gespräch, zumindest nach dem, was uns hier berichtet wird. Doch ich muss diese optimistische Stimmung mit einer russischen Anekdote beenden, die gerade jetzt sehr passend ist. Auf Russisch lautet sie wie folgt: "Der Optimist lernt Englisch, der Pessimist lernt Chinesisch, und der Realist lernt die Bedienungsanleitung für die Kalaschnikow."
Köppel [00:33:50]: Noch ein letztes Wort zum russischen Präsidenten: Er ist nun seit 26 Jahren an der Macht. Wie wird er in die Geschichte eingehen? Wie wird die Geschichte Ihren Präsidenten, Wladimir Putin, in Erinnerung behalten? Was denken Sie?
Simonjan [00:34:06]: Das hängt ganz davon ab, wann und wie wir diesen Krieg beenden. Und ich glaube, das weiß er auch.
Köppel [00:34:15]: Und sind Sie in dieser Hinsicht optimistisch oder pessimistisch?
Simonjan [00:34:18]: Wie könnte ich da pessimistisch sein? Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang glauben, dass Mutter Russland verlieren wird? Das ist unmöglich.
Köppel [00:34:27]: Und der russische Präsident ist mittlerweile über 70. Und ich gehöre nicht zu diesen westlichen Journalisten, die über Ihren Präsidenten herziehen. Ich habe mir schon mehrfach Ärger eingehandelt, weil ich ihn verteidigt habe, und tue das immer noch, auch wenn er natürlich auch seine Fehler macht. Aber aus der Perspektive eines kleinen Landes wie der Schweiz – da kann man uns das nachsehen – können wir uns gar nicht vorstellen, wie es ist, ein so großes Land wie Russland zu regieren. Wir sind ein sehr kleines Land. Wie wird die Zukunft Russlands aussehen? Denn der russische Präsident hat so viel Macht, wissen Sie. Er muss das Ganze zusammenhalten. Er muss jeden Tag stark sein. Das Machtzentrum ist, glaube ich, sehr wichtig für die Stabilität des russischen Staates. Ich habe mir überlegt, ob es in Zukunft nicht eine gute Idee wäre, denn Wladimir Putin ist ja nicht rund um die Uhr im Einsatz … Man findet nicht so viele Führungspersönlichkeiten dieses Kalibers. Wäre es nicht eine Idee, darüber nachzudenken, eine konstitutionelle Monarchie wieder einzuführen, um … um Kontinuität in Ihrem Land zu schaffen, die Romanows zurückzuholen als … nicht als zaristische absolute Monarchen, sondern als konstitutionelle Monarchen, und dann eine Art neues System einzuführen? Denn es ist schwer, eine Führungspersönlichkeit zu finden, die ein Land 26 Jahre lang zusammenhalten kann. Sind das Gedanken, die Ihnen manchmal durch den Kopf gehen?
Simonjan [00:36:01]: Das System, das wir derzeit haben, ähnelt – so seltsam es auch klingen mag – dem System, das Peter I. eingeführt hat. Nun, lassen Sie mich zunächst einmal auf das eingehen, was Sie gesagt haben. Russland ist heute gar nicht mehr so groß. Russland ist heute kleiner als die Sowjetunion. Viel kleiner. Und die Sowjetunion war kleiner als das Russische Reich. Stimmt’s? Zum Russischen Reich gehörten damals noch Finnland und Polen. Da gab es noch vieles mehr. Außerdem gab es – heute leider türkische Gebiete, damals aber russische Gebiete. Und es ging irgendwie, wir haben es irgendwie wunderbar gemanagt. Und unser großartiger Zar Alexander I., der euch alle vor Napoleon gerettet hat, als Europa einen auf: "Aaaah! Schrecklich, schrecklich, schrecklich!" machte. Und wir sagten: Pah! Auf Wiedersehen! Und kein Napoleon mehr. Und die Sowjetunion – damals haben wir dasselbe mit Hitler gemacht und euch alle, die Europäer, gerettet. Und jetzt werden wir es auch schaffen, Gott sei Dank. Also, was das System angeht: Wenn Sie von einer konstitutionellen Monarchie sprechen – was ist das eigentlich? Das ist Großbritannien, oder? Die Macht wird dem Monarchen allein aufgrund seiner Geburt übertragen. Aber in Wirklichkeit regiert nicht der Monarch, sondern das Parlament. Das ist doch eine völlig abwegige Vorstellung. Beides. Erstens: Wie kann Macht allein aufgrund der Geburt übertragen werden? Nun, der Sohn könnte ein Schwachkopf sein. Der Vater ist großartig, der Sohn aber ein Schwachkopf. Oder die Tochter. Unser wunderbarer, großer Schriftsteller Lew Tolstoi hat sich sehr ausführlich dazu geäußert; er hat viel zu diesem Thema gesagt, aber eine Sache hat er ganz richtig gesagt. Ich erinnere mich nicht wortwörtlich daran, aber der Kern ist folgender: Man setzt doch in seiner Kutsche keinen Kutscher ein – einen Menschen, dem man sein Leben anvertraut, weil er der Kutscher ist –, nur weil sein Großvater oder Urgroßvater einst ein guter Kutscher war. Und erst recht: Wie kann man jemanden mit der Führung des Staates betrauen, nur weil sein Vater, Großvater oder Urgroßvater ein guter Monarch war? Das ist doch Unsinn. Deshalb sehen wir diese englischen Verrückten, von denen man nicht weiß, womit sie sich eigentlich beschäftigen. Dabei sind sie im Grunde genommen nur Kulisse, denn in Wirklichkeit regiert das Parlament, das sich ständig streitet. Und wie wir sehen, wechseln ihre Premierminister derzeit viel schneller, als wir uns ihre Namen merken können. Das ist ein Chaos. Nun, genau dieses Chaos führt Großbritannien in den Zustand, in dem wir es derzeit vorfinden. Dieses Großbritannien hat mit dem Großbritannien von früher überhaupt nichts mehr zu tun. Peter I. hingegen führte ein System ein, das – mit den entsprechenden Anpassungen an die heutige Zeit – bei uns im Großen und Ganzen immer noch funktioniert. Sein System sah folgendermaßen aus: Er schaffte es zwar nicht, es umzusetzen – er starb, bevor er es umsetzen konnte –, aber er schaffte es, gesetzlich festzuschreiben, dass der amtierende Monarch seinen Nachfolger selbst ernennt. Das ist alles. Nicht aufgrund der Geburt, nicht aufgrund von irgendetwas anderem. Der Monarch ist gut, ein toller Kerl, er ist bei allen beliebt. Nun, in diesem Fall also Peter I. Das heißt, er verfügt wohl sowohl über die Gründe als auch über den Respekt und das Vertrauen der Bevölkerung, um sagen zu können: "Meine Freunde, ich würde es vorziehen, das Land diesem Mann zu überlassen." Nun, ich denke, wenn Wladimir Wladimirowitsch eines Tages – wenn er es denn will, natürlich wird er früher oder später in den Ruhestand treten wollen, aber offensichtlich erst nach Beendigung des Krieges –, wenn er zum russischen Volk sagt: "Liebes russisches Volk, mit dem wir nun schon das dritte Jahrzehnt gemeinsam verbracht haben, ja, zum jetzigen Zeitpunkt würde ich mich gerne zur Ruhe setzen, aber diesen Mann kenne ich schon seit vielen Jahren, er hat sich im Kampf bewährt, und ich empfehle euch, dass ihr für ihn stimmt." Ich glaube, dass das Volk für ihn stimmen wird.
Köppel [00:39:58]: Noch eine allerletzte Sache. Wir haben mit einem sehr düsteren Ausblick begonnen. Sicher, natürlich, die Apokalypse und der Weltkrieg. Aber dennoch möchte ich hier ein optimistischeres Ende vorschlagen. Ich meine, wir sehen jetzt Nachrichten, dass das russische Militär im Donbass Erfolge verzeichnet; Konstantinowka, die Stadt, wurde eingenommen, und die Armee rückt weiter vor. An der Front der Gegenseite sehen wir Schwierigkeiten. Ist das nicht ein Grund, in gewisser Weise optimistisch zu sein und zu argumentieren, dass für Russland keine große Eskalation notwendig ist, dass man seine Ziele erreichen wird, ohne zu eskalieren, ohne auf diese Eskalationen zu reagieren? Oder ist das naiver Optimismus?
Simonjan [00:40:44]: Es … ich weiß es nicht. Selbst wenn Sie zuhören, hören Sie mir nicht zu. Sie hören mir nicht zu. Wir eskalieren nicht. Wie sollen wir denn eskalieren? Wir sind im Donbass, und alles, was wir tun, ist das, was wir vor viereinhalb Jahren angekündigt haben. Wir befreien den Donbass. Sie eskalieren! Warum gibt es gerade jetzt in Moskau an den Tankstellen kein Benzin?
Köppel [00:41:18]: Ist es …
Simonjan [00:41:18]: Nein, nein, nein, bitte nicht. Lassen Sie mich bitte ausreden. Warum haben wir keins? Liegt es daran, dass wir Konstantinovka erobert haben, oder daran, dass Europa der Ukraine sagt: "Eskaliert! Eskaliert!Dringt in Russland ein! Schürt Unruhe in Russland! Sorgt dafür, dass der Krieg auf Russland übergreift!" Tun wir das oder tut ihr das? Ich höre Ihnen zu, aber ich habe das Gefühl, dass das ein Gespräch zwischen einem Tauben und einem Blinden ist. Im Ernst. Sie fragen mich schon wieder: "Können wir mit einem Ende der Eskalation rechnen?" Aber wir eskalieren gar nichts, wir befreien den Donbass. Aber wir eskalieren gar nichts, wir befreien den Donbass. Ihr eskaliert! Ihr verlagert den Krieg nach Russland. Ihr zwingt uns, darauf zu reagieren. Hört auf damit! Hört auf, den Krieg nach Russland zu verlagern! Wir werden nicht darauf reagieren. Das war’s. Warum tut ihr das nicht? Antworten Sie mir doch mal: Warum eskaliert ihr? Warum verlagert ihr den Krieg nach Russland? Ihr wollt den Dritten Weltkrieg. Wozu?
Köppel [00:42:16]: Eskalation? Da stimme ich zu. Es gibt eine Eskalation seitens der Ukraine und Europas. Aber die Frage ist: Wird Russland eskalieren oder auf die Eskalation reagieren, indem es Ziele in Europa angreift? Und das ist natürlich die große Frage, die geklärt werden muss. Und die Frage ist, ich meine, wenn man auf dem Schlachtfeld gewinnt, ist die Notwendigkeit –
Simonjan [00:42:37]: Ich sage es Ihnen. Ich sage es Ihnen. Es geht nicht darum, dass wir auf dem Schlachtfeld gewinnen, sondern darum, dass es für die Menschen in Russland aktuell schwierig ist. Wie lange soll es noch so schwer sein … weil keine Flugzeuge fliegen, sie landen nicht dort, wo sie sollen, es gibt kein Benzin, vieles dieser Art fehlt, man hat Angst, nachts zu schlafen, Drohnen fliegen einem auf den Kopf, Raketen fliegen einem auf den Kopf. Wo liegt die Grenze dieses Leids? Wenn das Volk sagt: "Wladimir Wladimirowitsch, man muss reagieren." Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass dieser Moment sehr nahe ist, sehr nahe. Sie spielen gerade mit dem Feuer.
Köppel [00:43:11]: Ich danke Ihnen vielmals.
Simonjan [00:43:13]: Danke! Danke.
Köppel [00:43:15]: Danke.
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