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Nahostkrise: Brent spiegelt den tatsächlichen Ölpreis nicht mehr wider

Die Golfkrise und die Störungen bei den Öllieferungen brachten ein Phänomen hervor: Der Preis für Brent-Öl gilt nicht mehr als Wertmaßstab für den tatsächlichen Ölpreis. Denn diesen beeinflussen die "Krisenaufschläge".
Nahostkrise: Brent spiegelt den tatsächlichen Ölpreis nicht mehr widerQuelle: Sputnik © RIA Nowosti

Über viele Jahrzehnte hinweg war der Börsenpreis der Ölsoorte Brent weltweit der maßgebliche Richtwert – ihre Notierungen bestimmten Einkäufe, Lieferungen und die Planung im Allgemeinen. Doch der Krieg im Nahen Osten hat die Karten neu gemischt und Brent vom Thron gestoßen – der Preis spiegelt nicht mehr den tatsächlichen Wert des Kraftstoffs wider, und Brent selbst ist kein Maßstab mehr.

Es wird immer schwieriger, die Lage auf dem Ölmarkt anhand eines einzigen Brent-Kurses einzuschätzen. Hohe Weltmarktpreise garantieren den Exporteuren kein entsprechendes Umsatzwachstum, und ein Rückgang des Rohstoffpreises im Abfahrtshafen bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Öl für die Raffinerie billiger wird. Und obwohl sich die Lieferungen aus dem Persischen Golf erholen und zeitweise das Vorkriegsniveau erreichen oder sogar übersteigen, hat dies nicht zu einer Normalisierung der Preise und der Transportkosten geführt. Die Transportkosten für Öl sind um das Siebenfache gestiegen, und auch dies prägt den tatsächlichen Preis, der mit den Brent-Notierungen bereits überhaupt nichts mehr zu tun hat. Die Zeitung Iswestija stellt fest:

"Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) stiegen die weltweiten Öllieferungen im September um 2,5 Millionen Barrel pro Tag auf 102,3 Millionen. Den größten Beitrag leisteten die Produzenten am Persischen Golf, allen voran Saudi-Arabien. Die Ölexporte aus der Region stiegen im Monatsvergleich um 4,4 Millionen Barrel pro Tag auf 13,9 Millionen und erreichten damit wieder mehr als 75 Prozent des Vorkriegsniveaus. Dabei flossen fast 11 Millionen Barrel pro Tag durch die Straße von Hormus. Im Oktober setzte sich die Erholung der Lieferströme fort: Nach Angaben von Kpler lagen die Lieferungen aus der Region in der Woche bis zum 18. Oktober bei über 24 Millionen Barrel pro Tag, gegenüber etwa 23 Millionen vor Beginn des Konflikts. Die Erhöhung der Lieferungen hat jedoch bislang noch nicht zu einer Normalisierung des weltweiten Ölmarktes geführt."

Insbesondere ist die wichtigste Änderung auf dem Ölmarkt  derzeit folgende: Die Verfügbarkeit von Öl auf dem Weltmarkt bedeutet nicht mehr, dass es zum Preis des Börsenrichtwerts, den Brent-Notierungen, erhältlich ist. Zum Preis pro Barrel für den Endabnehmer kommen nun Transportkosten hinzu, die sich in der Höhe der Notierungen in keiner Weise widerspiegeln. So lag beispielsweise im Oktober der Durchschnittspreis für Öl, das nach Asien geliefert wurde, vor der Verladung bei 93 US-Dollar pro Barrel gegenüber 106 US-Dollar im April. Unter Berücksichtigung der Transportkosten stieg der Rohstoffpreis im gleichen Zeitraum jedoch von 116 auf 131 US-Dollar.

Dabei sind nach Schätzungen von Goldman Sachs die durchschnittlichen weltweiten Transportkosten für Rohöl im Laufe eines Jahres um etwa das Siebenfache gestiegen – nämlich von 3 Dollar auf über 20 Dollar pro Barrel. Auf einzelnen Routen im Nahen Osten lagen die Transportkosten sogar bei über 35 US-Dollar pro Barrel. Der starke Anstieg der Transportkosten für Öl ist nicht nur auf militärische Risiken zurückzuführen – auch die gestiegenen Kraftstoffpreise für Tanker tragen dazu bei. Ein weiterer Kostenfaktor sind die Kosten für das Umladen des Treibstoffs von einem Tanker auf einen anderen. Und es kommt noch ein Aufschlag hinzu, wenn ein Tanker unterwegs seine Route ändert.

Einige Experten prognostizieren vorsichtig, dass sich nach dem Ende der Nahostkrise und der Stabilisierung des Ölmarktes alles wieder normalisieren wird. Und Brent wird wieder zum Maßstab für den Börsenpreis von Öl werden. Es gibt jedoch auch eine andere Meinung. Es könnte sich herausstellen, dass alles, was heute geschieht, eine Neugestaltung der Seeverkehrswege und eine Umgestaltung der Weltwirtschaft ist, die bald unumkehrbar sein wird.

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