
Egon Bahr: Der Mann hinter dem "Wandel durch Annäherung"

Als Roger Köppel bei Wladimir Putin zu Gast war, fiel im Gespräch auch der Name Egon Bahr. Bahr war einer der wichtigsten Architekten der deutschen Ostpolitik unter Willy Brandt.
Egon Bahr war der Mann hinter der Ostpolitik von Willy Brandt. Der SPD-Politiker war kein Kanzler, kein Außenminister und auch kein großer Redner. Sein Einfluss lag vor allem in der Entwicklung einer politischen Linie, die später als "Wandel durch Annäherung" bekannt wurde.

1963 formulierte Bahr in einer Rede in Tutzing diesen Gedanken. Die Idee war nicht, die Sowjetunion zu lieben oder ihre Politik gutzuheißen. Bahr ging von einer nüchternen Tatsache aus. Die Sowjetunion war die entscheidende Macht im Osten Europas. Wer die deutsche Teilung überwinden wollte, konnte nicht an Moskau vorbei.
Für Bahr bedeutete das, zu reden, zu verhandeln, Kontakte zu schaffen und Schritt für Schritt die Spannungen abzubauen. Die Hoffnung war, dass sich die Verhältnisse im Osten langfristig verändern würden, wenn der Westen den direkten Druck verringerte und gleichzeitig seine politischen und wirtschaftlichen Verbindungen stärkte.
Das war alles andere als selbstverständlich. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die deutsche Teilung Realität. Die bisherige Politik hatte daran wenig geändert. Bahr und Brandt zogen daraus eine einfache Schlussfolgerung: Die deutsche Frage würde nicht gegen die Sowjetunion gelöst werden können, sondern nur mit ihr.

Als Brandt 1969 Bundeskanzler wurde, konnte Bahr seine Vorstellungen in konkrete Politik umsetzen. Er wurde Staatssekretär im Bundeskanzleramt und führte wichtige Verhandlungen mit Moskau und Ost-Berlin. 1970 wurde der Moskauer Vertrag unterzeichnet, 1972 folgte die Unterzeichnung des Grundlagenvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR.
Dabei ging es nicht darum, den Kommunismus plötzlich für akzeptabel zu erklären. Bahr wollte zunächst den bestehenden Zustand anerkennen, um ihn später verändern zu können. Genau darin lag der Kern seiner Politik. Erst die Realität akzeptieren, dann versuchen, sie zu verändern.
Die Ostpolitik war damals heftig umstritten. Gegner warfen Brandt und Bahr vor, gegenüber Moskau zu viele Zugeständnisse zu machen. Auch innerhalb der SPD gab es Widerstand gegen Bahrs Konzept. Herbert Wehner soll die Formel "Wandel durch Annäherung" privat sogar als "Bahrer Unsinn" bezeichnet haben.
Trotz der politischen Konflikte wurde die Ostpolitik zu einem festen Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Sie schuf neue Gesprächskanäle, erleichterte Kontakte zwischen Menschen in Ost und West und führte zu Verträgen, die den Umgang der beiden deutschen Staaten miteinander veränderten.
Ob die spätere deutsche Einheit ohne diese Politik möglich gewesen wäre, lässt sich nicht beweisen. Sicher ist aber, dass Bahr und Brandt einen Kurs einschlugen, der über Jahre auf Entspannung und Kontakte setzte.
Dass Wladimir Putin Jahrzehnte später im Gespräch mit Roger Köppel auf Egon Bahr zu sprechen kommt, ist deshalb mehr als eine historische Referenz.
Im Kern geht es um einen Grundkonflikt der deutschen Ostpolitik, der bis heute fortwirkt: politische Veränderungen gegenüber Russland durch Distanz und Druck herbeizuführen oder auf direkten Dialog und Annäherung zu setzen.
Bahrs "Wandel durch Annäherung" ist damit keine Blaupause für die Gegenwart. Das Konzept bleibt jedoch ein politischer Bezugspunkt, an dem sich der deutsche Umgang mit Russland bis heute messen lässt.
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