Zehn Jahre Brexit: Die Scheidung, die die Briten jetzt bedauern

Großbritannien will zurück in die EU, aber nicht zu deren Bedingungen. Der Brexit, der damals im Jahr 2016 in Brüssel alle überraschte, hat nicht zu dem wirtschaftlichen Aufschwung geführt, der erhofft worden war. Aber die Nostalgie der Briten verdrängt die Realität.

Von Galina Dudina

Vor zehn Jahren war ich am Tag des Brexit-Referendums auf einer Geschäftsreise in Brüssel. Jenseits des Kanals lief die Abstimmung bereits, aber im europäischen Viertel war die Stimmung beinahe fröhlich. Journalisten befragten EU-Vertreter nach dem Brexit, und diese wischten die Fragen mit Scherzen beiseite, als wäre das ganze Ding eher eine theatralische Unannehmlichkeit und kein mögliches politisches Erdbeben.

In privaten Gesprächen stellte ich dabei den Leuten dieselbe Frage: Wenn Sie eine Wette abschließen müssten, was würden Sie wählen? Alle sagten "Remain". In Großbritannien selbst erschienen beinahe 13 Millionen Wähler überhaupt nicht zur Abstimmung, offenkundig außerstande, sich die Größenordnung dessen, was da kommen würde, vorzustellen.

Wir waren alle naiv. Trump wurde in den Vereinigten Staaten noch nicht gewählt, das COVID-Desaster war noch nicht um die Welt gerollt und das Jahr 2022 hatte noch nicht begonnen. Am Morgen des 24. Juni 2016 konnte man die Nachricht, dass 51,9 Prozent der britischen Wähler entschieden hatten, die EU zu verlassen, nicht nur online lesen, sondern auch in den Gesichtern der Menschen in Brüssel. In Straßencafés und rund um die Büros, wo sich die EU-Beamten zum Mittagessen trafen, sprachen die Leute ungläubig in ihre Mobiltelefone.

Heute sagen 57 Prozent der Briten, der Brexit sei ein Fehler gewesen, und trotz der Verehrung, die in Großbritannien traditionell dem "Willen des Volkes" entgegengebracht wird, sind Politiker zunehmend dazu bereit, darüber zu diskutieren, ob die Entscheidung eines Tages überprüft werden soll.

Philip Rycroft, ein führender Beamter, der die Vorbereitungen für den Brexit im britischen Staatsapparat überwachte, erklärte jüngst, der "Brexit ist nicht vorbei" und "wird nie vorbei sein". Aus seiner Sicht sollte die politische Klasse Großbritanniens jetzt nicht nur über engere Beziehungen zu Brüssel eine ehrliche Debatte führen, sondern auch über eine mögliche Rückkehr in die Union.

Auf den ersten Blick scheint das vernünftig, denn nach zehn Jahren hat der Brexit den versprochenen Wirtschaftsaufschwung nicht geliefert. Das Pfund Sterling ist nicht massiv gestiegen und das Office for Budget Responsibility (ein Institut, das die Haushaltsgestaltung und Wirtschaftsprognosen überprüft) schätzt, dass die britische Wirtschaft langfristig um etwa vier Prozent kleiner sein wird, als sie innerhalb der EU gewesen wäre. Einige Wirtschaftswissenschaftler schätzen den Verlust an GDP pro Kopf auf sechs bis acht Prozent.

Großbritannien ist nicht einmal seiner Abhängigkeit vom Rest Europas entronnen. Die EU bleibt der größte Handelspartner, mit etwa 41 Prozent der Exporte und fast der Hälfte der Importe, während der Brexit den britischen Unternehmen mehr Papierkram, Reibungen und Ungewissheit gebracht hat.

Und doch ist das neue Gerede einer Wiedervereinigung nicht ganz die nüchterne strategische Umorientierung, die sie zu sein vorgibt. Sie gehört zu einer breiteren Nostalgie, die seit Jahresbeginn die sozialen Medien überflutet, als Nutzer in vielen Ländern anfingen, alte Fotografien und Erinnerungen unter dem Schlagwort "bring mein 2016 zurück" zu veröffentlichen.

Jene, die jetzt von einer Rückkehr nach dem Jahr 2016 träumen und zurück in die EU wollen, sollten sich daran erinnern, wie die britische Mitgliedschaft tatsächlich aussah. Seit Großbritannien im Jahr 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat, verbrachte es Jahrzehnte damit, für sich einen Sonderstatus herauszuholen, und während es im Club war, war es doch nie ganz wie die anderen. Es behielt das Pfund, blieb außerhalb von Schengen, sicherte sich einen Rabatt bei den Haushaltsbeiträgen und verhandelte in sensiblen Bereichen über eine Ausnahme.

Es gibt wenig Grund, anzunehmen, dass Brüssel jetzt London dasselbe Paket wieder anbieten würde. Ein Großbritannien, das zurückkehrt, würde eine weit weniger komfortable Mitgliedschaft akzeptieren müssen, mit wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Kontinent, Migrationsdruck, engerer Anpassung an EU-Regeln und steigenden Verteidigungsausgaben.

Da wird die öffentliche Meinung kompliziert, denn während viele Briten engere Beziehungen vorziehen würden, oder theoretisch sogar einen Wiedereintritt, unterstützen nur 36 Prozent eine Rückkehr ohne die alten Ausnahmen. Anders gesagt: Sie wollen die verlorene Stabilität der EU-Mitgliedschaft, aber nicht notwendigerweise die Verpflichtungen, die sie jetzt mit sich brächte.

Britannien könnte auch entdecken, dass sein Platz in der europäischen Schlange ein anderer ist und ein neuer Antrag hinter Albanien, Bosnien und Herzegowina, der Ukraine und Moldawien landen könnte. Das ehemalige Empire, das einst Rabatte und Ausnahmen aushandelte, könnte als nur ein weiterer Bewerber zurückkehren.

Sowohl der Brexit als auch das derzeitige Bedauern des Brexits sind daher weit eher emotional als rational. Es ist kein Zufall, dass die häufigste Metapher dafür die Scheidung ist, und viele Menschen wissen aus Erfahrung, dass einen ehemaligen Partner zu vermissen nicht immer bedeutet, dass eine Versöhnung möglich ist, oder weise.

Galina Dudina ist Kolumnistin der Tageszeitung "Kommersant" in Moskau. Dort erschien der Artikel ursprünglich.

Übersetzung aus dem Englischen.

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