Von Wladislaw Sankin
Seit dem erfolgreichen AfD- und BSW-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt befindet sich auch das Magazin Compact in der Offensive. Der Chefredakteur Jürgen Elsäßer begreift sich und sein Team zunehmend als medialen und politischen Mitgestalter und will die Prozesse in dieser Region Deutschlands aus der nächsten Nähe begleiten. Deswegen kam die Nachricht über die Eröffnung des Compact-Studios in Magdeburg nicht überraschend. Bis dahin drehte er seine Sendungen aus einem improvisierten Studio in seinem Privathaus in Brandenburg nordwestlich von Berlin.
Überraschend war die Zusammensetzung der eingeladenen Gäste: Neben den schon alten Bekannten Dr. Diether Dehm und Alexander von Bismarck, die in Compact-Formaten schon mehrfach auftraten, kamen nach seinen Angaben auch 20 AfD-Abgeordnete und alle fünf Mitglieder der BSW-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalts zu der Veranstaltung. Diese hat Elsäßer später in seinem Kommentar als Netzwerktreffen zum gemeinsamen Kennenlernen deklariert.
Beide Landesverbände waren prominent vertreten. Vom BSW waren unter anderem die beiden Landesvorsitzenden John Lucas Dittrich und Thomas Schulze sowie die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dr. Claudia Wittig dabei. Schulze gewährte Compact eine Woche zuvor ein ausführliches Interview. Von der AfD waren neben Landtagspräsident Tobias Rausch auch sein Vize Dr. Hans-Thomas Tillschneider und der Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner anwesend.
Auf die Anwesenheit von Rausch legte Elsäßer besonderen Wert. Für die Eröffnung des Studios auf Instagram warb der Medienprofi auf Instagram mit einem gemeinsamen Foto ausgerechnet mit Rausch beim Dinner. Am Samstag veröffentlichte Compact-TV mit ihm ein längeres Interview. Dabei trat der bald 70-jährige Compact-Chef dem 35-jährigen Interviewgast nicht nur als wohlwollender Fragesteller gegenüber.
Zunehmend schlüpft Elsäßer in die Rolle eines Korrektivs, der sein Wohlwollen vor allem friedenspolitischen Initiativen erteilt. So veranstaltete er beim diesjährigen Compact-Sommerfest eine Podiumsdiskussion zum Thema "Spaltet der Krieg die Patrioten" und sagte, es sei egal, ob die Frage des Friedens zu einer "rechten" Ideologie gehöre oder nicht. Er könne sich im Notfall auch mit einer Linken "vor die Panzer" setzen.
"Die Friedensfrage hat Eigenständigkeit und ist die Frage, die die Volkseinheit zustande bringen kann, und diese soll man nicht parteipolitisch verkürzen. Wenn morgen die Panzer rollen an die Ostfront und die AfD nicht den Mund aufkriegt und Heidi Reichinnek sagt, wir setzen uns vor die Panzer, dann sage ich, diesmal gehe ich mit Heidi Reichinnek, tut mir leid." (Applaus)
Ob Elsäßer Heidi Reichinnek und die heutige Linkspartei tatsächlich zu den ernstzunehmenden Friedenskräften zählt, sei dahingestellt. Wen Compact aktuell in dieser politischen Rolle sieht, verrät einer der letzten Sendungstitel: "Schröder, AfD+BSW: Was kann das Friedens-Trio bewirken"? Am 8. Oktober ergriff er die Initiative und lud AfD und BSW zum gemeinsamen Dinner ein.
Nach dem Treffen wählte Elsäßer eine gewiefte Medienstrategie. Erst am Tag darauf machte er das private Dinner auf Instagram und YouTube öffentlich und teilte mit seiner Co-Moderatorin Stefanie Elsäßer die ersten Eindrücke. Das Hauptthema des ersten Berichts war aber die Rede von Alexander von Bismarck bei dem Compact-Abend. Weiterhin im Zentrum standen mögliche Musikprojekte des wegen seiner Russland-Kontakte "gecancelten" Star-Dirigenten Justus Frantz nach dem AfD‑Sieg in Sachsen-Anhalt.
Damit waren die brisanten Informationen – nämlich dass AfD- und BSW-Landespolitiker einen scheinbar harmonischen Abend gemeinsam verbracht haben und das auch noch bei dem laut Mainstreammedien "rechtsextremen" Magazin Compact – raus. Die Schlagzeilen in den Leitmedien folgten, kurz darauf kamen die ersten Reaktionen der BSW-Spitze im Bund.
Parteivize Leye: "Es reicht!"
Parteichef Fabio De Masi sah sich bei X zu einer "Klarstellung" veranlasst. Es bleibe "richtig, Anträge in der Sache zu bewerten und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD zu führen. Dabei darf jedoch nicht der Eindruck der Kumpanei oder einer privilegierten Partnerschaft entstehen." Die AfD bezeichnete De Masi als seinen "politischen Gegner".
Noch zorniger fiel die Reaktion des stellvertretenden Parteichefs Christian Leye in einem gemeinsamen Instagram-Post mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen aus:
"Es reicht! Diese Distanzlosigkeit und Kumpanei mit der AfD müssen ein Ende haben."
Leye betonte, dass zwar nur ein Teil der AfD völkisch sei, aber Ressentiments in der ganzen Partei salonfähig seien. "Wir suchen deshalb die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD, um sie politisch zu stellen – den Unterschied zu einem netten Abend bei Wein im Querfront-Magazin findet jeder selbst", heißt es in dem Post. Geteilt wurde er unter anderem vom X-Account des bayerischen BSW-Landesverbandes.
Die Hysterie ist zum "Fremdschämen"
Aber die Attacke traf auch auf Gegenwind. So stieß vor allem die Tatsache, dass solche harsche Kritik öffentlich vorgetragen und nicht parteiintern formuliert wurde, sauer auf. Frederick Broßart, Mitglied des niedersächsischen Landesvorstandes, schrieb auf X:
"Wie sich hier einige der Hysterie hergeben, ist schon zum Fremdschämen."
Er stellte sich demonstrativ hinter den Kurs des BSW in Sachsen-Anhalt. "Das sollte der Weg des BSW sein und nicht diese PDL-Pseudo-Politik!", schreibt Broßart. Gemeint war ein Kurs, der dem der Linken ähnlich ist, aus der die Partei per Abspaltung hervorgegangen ist. An der Diskussion in den sozialen Medien beteiligten sich zahlreiche weitere Mitglieder und Sympathisanten der Partei.
Die bei dem Compact-Treffen anwesende Wittig erklärte bei X, Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten könnten zusammen essen und auch ein Glas Wein trinken. Es sei "nicht verkehrt, wenn die friedliche Koexistenz verschiedener Meinungen auch im Alltag wieder normaler würde".
"Da wächst was zusammen"
Noch als dieser Artikel geschrieben wurde, erschien auf YouTube die auf Samstag annoncierte Compact-Reportage, die in Bild-Manier titelt: "Skandal-Dinner: AfD & BSW an einem Tisch!" Die Kamera war bemüht, die Atmosphäre des Treffens festzuhalten, die meiste Zeit gehörte aber den Rednern beider Parteien sowie Dr. Diether Dehm und Alexander von Bismarck.
"Wir sind auf dem guten Weg, ein neues Modell zu konstruieren, das es in Deutschland nicht gab, aber was vielleicht zukunftsfähig ist", sagte Tobias Rausch zu einer möglichen Zusammenarbeit mit Abgeordneten anderer Fraktionen. "Wir werden uns wie Erwachsene an einen Tisch setzen und reden", versprach Claudia Wittig. Sie lobte, dass das BSW zusammen mit der AfD eine Resolution zum Ukraine-Krieg zustande bringen konnte.
"Die Friedensbewegung müssen wir auch auf die Weise zusammenführen. Die darf sich genauso wenig mit Abgrenzerei und Spalterei beschäftigen wie die Politik in den Parlamenten", sagte sie. Friedenspolitik sei auch eine Landesfrage. Sie hoffe, dass andere Parlamente nachziehen.
Am Ende sagte der Landesvorsitzende John Lucas Dittrich auf die Frage des Compact-Reporters Dominik Reichert, dass das BSW einen respektvollen Umgang mit allen Fraktionen im Landtag pflege. "Die Kollegen von der AfD, aber auch von der SPD, auch von den Grünen merkten, dass wir versuchen, in einem sehr anständigen Ton mit ihnen zu reden", so Dittrich.
Gastgeber Jürgen Elsäßer zeigte sich zufrieden. "Die Atmosphäre war gut, die Chemie hat gestimmt, da wächst schon was zusammen, und dass wir von Compact heute dazu beitragen konnten, das ist eine gute Sache", sagte er.
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