Kriege der Zukunft: Es ist technisch unmöglich, Deutschlands Luftraum zu verteidigen

Russlands Außenminister Sergei Lawrow hat vor Kurzem der Plattform Politico einen strategischen Grundsatzartikel angeboten – diese lehnte ab. Gerhard Emil Fuchs-Kittowski und Prof. Dr.-Ing. Joachim Wernicke sahen sich Lawrows Vorschläge dennoch genauer an. Bevor es an die Analyse geht, sollte sich Deutschland seiner strategischen Lage bewusst werden.

Von Gerhard Emil Fuchs-Kittowski und Prof. Dr.-Ing. Joachim Wernicke

Der Ukraine-Krieg hat der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, wie sehr militärtechnologische Entwicklungen den Krieg an sich und die Kräfteverhältnisse zwischen Konfliktparteien verändert haben. Das gilt insbesondere für die Auswirkungen präziser Hyperschallwaffen sowie billiger und immer weiter reichender Angriffsdrohnen.

Militärtechnische Veränderungen

Eine neue Erkenntnis aus dem Ukraine-Krieg ist die tragende Rolle einerseits von Schwärmen sprengstofftragender Nahbereichsdrohnen, die militärische Großverbände jeder Art sinnlos machen, auch ohne Atomwaffen. Andererseits machen es konventionell bestückte, praktisch nicht abwehrbare mobile Langstrecken-Angriffswaffen möglich, auf Reichweiten von derzeit bis zu etwa 1.000 Kilometern beliebige Ziele metergenau zu treffen und zu zerstören ("Deep Strike").

Atomwaffen haben dadurch ihre Exklusivität als ultimatives Knock-out-Mittel verloren, sogar für ihr letztes vermeintliches Monopol: die Außerbetriebsetzung tiefer unterirdischer Kommandobunker. Denn mit der Metergenauigkeit der Präzisions-Angriffswaffen reicht es aus, auf die oberflächennahen Kabelknoten der Tiefbunker zu zielen, um die angeschlossenen Geräte in der Tiefe außer Betrieb zu setzen.

In wenigen Jahren werden relevante Militärmächte, die als Hauptwaffen über mobile intelligente konventionelle Langstrecken-Angriffsmittel und über satellitengestützte latenzarme Breitband-Mobilfunknetze verfügen, bei Reichweiten von mindestens etwa 1.000 Kilometern und typischen Nutzlasten um 500 Kilogramm mit hoher technischer Zuverlässigkeit und Durchdringungsfähigkeit gegenüber jeder vorhandenen Flugabwehr an jedem Punktziel bis zur Größe kompakter Gebäude, etwa einem klassischen Zweifamilienhaus, bei einem Volltreffer nur noch einen Krater hinterlassen.

Mit Blick auf russische Ausrüstungen dürften boosterverstärkte, also reichweitengesteigerte Hyperschallraketen, Iskander-M und Überschall-Cruise-Missiles sowie Brahmos-ER aus russisch-indischer Koproduktion in die genannte Klasse einzuordnen sein. Berichten zufolge erzielen aktuelle Hochleistungs-Flugabwehrraketen wie Patriot aus den USA und S-400 aus Russland bei solchen Angriffsflugkörpern nur geringe Trefferraten, wobei die Ausweichtechniken gegen die Flugabwehr laufend ausgefeilter und damit erfolgreicher werden.

Deutschland macht sich zum Ziel – und steht dabei nackt da

Gegenüber den technischen Entwicklungen unbemannter punktgenauer Deep-Strike-Fähigkeiten verliert die Flugabwehr tendenziell ihre Wirksamkeit. Damit ändert sich der Charakter des Krieges fundamental in Richtung strategischer Punktangriffe. Künftig kann gegenüber modernen Industriestaaten, die auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen sind, auf einfache Weise eine minimal-destruktive Fernkontrolle über den Staatsbetrieb erreicht werden, die sich durch Besatzungstruppen oder flächenhafte Zerstörung nicht erreichen ließe. Großverbände und Atomwaffen sind damit überflüssig!

Eine wirksame Verteidigung im Sinne der "Schutzschirme" ist technisch nicht mehr möglich!

Die Rüstungsindustrien werden auch weiterhin propagieren, sie hätten neue, allerdings auch teurere "Wundermittel" zur Abwehr gefunden. Gleichzeitig werden andere – oder dieselben – Rüstungsindustrien verbreiten, dass ihre neuen, aber noch teureren Angriffswaffen an den anderen neuen Abwehr-Wundermitteln vorbeischlüpfen können. Somit wird erneut einer endlosen Spirale der Hochrüstung der Weg geebnet.

In Verbindung mit Schwarmangriffen ermöglichen bereits heute aktuelle Langstreckendrohnen eine nicht abwehrbare Punktzerstörung. Im Tagesspiegel vom 24. Juli 2026 wurde dazu über eine ukrainische Angriffsserie auf acht von 40 Logistikstützpunkten eines russischen Online-Händlers berichtet. Was Russland mit seiner enormen Luftabwehr widerfahren kann, davor ist auch Deutschland nicht gefeit.

Die europäischen Staaten räumen in ihren Erklärungen ihre Rüstungskooperationen mit dem kriegsführenden Staat Ukraine ein und bestätigen damit ihre operative Beteiligung als Kriegsparteien gegen Russland. Die Formulierung des russischen Außenministers Sergei Lawrow "das vereinigte Europa" ist eher euphemistisch: Es handelt sich um einen trilateralen Wirtschaftskampf Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands. Dazu kommen ein paar kleinere Trittbrettfahrer mit eigenen Rüstungsindustrien.

Großbritannien und Frankreich hoffen, ihre eigenen Länder mittels der Atomwaffendrohung vom Kampfgeschehen freizuhalten. Somit bleibt neben der Ukraine als nächstes und kalkuliertes Hauptziel von Verwüstungen durch eine weitere Kriegseskalation nur Deutschland übrig.

Deutschland steht kein Weg zur "nuklearen Abschreckung" offen

Wegen der gesamtdeutschen Situation wird es keine "deutsche Atombombe" geben. Die Bevölkerung lehnt diesen Irrweg weit mehrheitlich ab, und es stehen diverse völkerrechtliche Verbote im Weg. Davon abgesehen und ganz allgemein: Atomwaffen sind unmilitärisch, nicht militärisch, und sie stehen unter einem Einsatztabu. Zudem sind Atomwaffen inzwischen in allen vorstellbaren militärischen Rollen technisch längst überholt und durch konventionelle Präzisionswaffen, deren Verwendung durch kein Einsatztabu beschränkt ist, eingeholt worden.

Atomwaffen sind keine legalen Kriegswaffen! Atomwaffen sind völkerrechtlich verbotene Massenvernichtungsmittel. Sie sind illegal aufgrund der Unverhältnismäßigkeit der Schäden im Vergleich zu jeglichem konventionellen Angriff, aufgrund des unnötigen Leidens überlebender Opfer und aufgrund dauerhafter Umweltschäden. Atomwaffen sind also unmilitärisch. Sie wären wie Chemie- und Biowaffen total verboten, wenn sich damit nicht so lukrative Geschäfte machen ließen. So verhindern die Konzerne der Kriegsindustrie das Totalverbot von Atomwaffen, indem sie formal "nicht illegale Atomeinsätze" als Ausnahmefälle konstruieren.

Die Vorstellung eines "nuklearen Schutzschirms" ist eine irreführende Begriffsbildung aus den 1950er Jahren und noch immer verbreitet, obwohl sich offensichtlich mit Atomwaffen nichts schützen lässt, sondern nur vernichtende Rache androhen lässt. Ebenso irreal ist der Begriff "nukleare Teilhabe". Sie beschreibt eine atomare Söldnerrolle, Kriegsverbrechen zum Nutzen anderer Staaten zu begehen.

Auf all das hat auch Russlands Außenminister Sergei Lawrow vor Kurzem in einem für Politico verfassten, von diesem Medium aber abgelehnten Grundsatzartikel hingewiesen.

Lawrow warnte darin:

"Unter dem Schlagwort der strategischen Autonomie findet in Europa ein erheblicher Ausbau militärischer Fähigkeiten statt, auch im nuklearen Bereich. Große Besorgnis rufen die Pläne von Paris hervor, mehreren Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO einen nuklearen Schutzschirm zur Verfügung zu stellen. Dies wird weder die Sicherheit Frankreichs selbst noch die Sicherheit der Empfänger dieser Hilfe stärken."

In der Tat ist die Vorstellung eines "nuklearen Schutzschirms" als Geniestreich irreführender Begriffsbildung aus den 1950er Jahren noch immer weit verbreitet, obwohl sich offensichtlich mit Atomwaffen nichts schützen lässt, sondern nur vernichtende Rache androhen lässt. Ähnlich irreal ist der Begriff "nukleare Teilhabe". Sie beschreibt eine atomare Söldnerrolle, Kriegsverbrechen zum Nutzen anderer Staaten zu begehen.

Die deutsche Atombombe, über die Hinterbänkler im Bundestag debattieren, wird es nicht geben, weil, wie erwähnt, die Bevölkerung diesen Irrweg weit mehrheitlich ablehnt und völkerrechtliche Verbote im Weg stehen. Der deutsche Bruch eines solchen Verbots dürfte erwartbar von interessierten Mächten mittels konventioneller Präzisionswaffen auch physisch verhindert werden, wobei Russland verständlicherweise ein historisch legitimierter Anwärter für eine solche Verhinderungsmaßnahme wäre.

Kann es stattdessen eine gemeinsame europäische Atommacht geben?

Da kommt als souveräner Eigentümer von Atomwaffen nur Frankreich infrage. Zwar ist auch Großbritannien nominell Atommacht, das Land ist aber nur im Besitz von aus den USA geleasten strategischen U-Boot-Atomraketen vom Typ Trident. Ob Großbritannien jemals eine solche Rakete ohne Zustimmung der USA verwenden könnte, ist zweifelhaft. Hingegen stationieren die USA seit 2025 nach einer Pause von Jahrzehnten erneut Kampfflugzeuge mit Atombomben in Großbritannien – eine Demütigung für das einstige "Empire"?

Also Frankreich. Jahrzehntelange deutsche Erfahrung mit deutsch-französischer Zusammenarbeit in militär- und flugtechnischen Projekten hat immer wieder dasselbe Ergebnis erbracht: Frankreich führt, Deutschland erhält Nebenrollen und bezahlt den Hauptanteil. Es erscheint unvorstellbar, dass die "Grande Nation" Frankreich jemals Nicht-Franzosen irgendeine Entscheidung über die Verwendung ihrer Atomwaffen überlässt.

Zusammenfassend: Eine "deutsche Atombombe", wie neuerdings von Hinterbänklern im Bundestag debattiert wird, wird es nicht geben. Stattdessen werden heute bereits jeden Tag Hunderte Drohnen produziert und verbraucht, vor denen sich Deutschland im Ernstfall nicht wirksam wird abschirmen können. Es ist daher im eigenen deutschen Interesse, sich aus dem Konflikt mit Russland vollständig herauszuhalten, jede militärische Unterstützung für die Ukraine einzustellen und ausschließlich auf diplomatische Bemühungen zu setzen.

Wie eine neue europäische Friedensordnung aussehen könnte und was Sergei Lawrow dazu sagt und vorschlägt, werden wir in einem eigenen Artikel in den kommenden Tagen analysieren.

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